Halbtrockenrasen und Weingärten nördlich von Oberthern

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Stefan Lefnaer
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Halbtrockenrasen und Weingärten nördlich von Oberthern

Beitragvon Stefan Lefnaer » Montag 12. Februar 2018, 21:18

Liebe Leute,

heute möchte ich einen interessanten Fund der anderen Art vorstellen: nicht eine Art, sondern ein Gebiet. Ich habe dieses 2017 "entdeckt" und mehrfach besucht und möchte hier eine kurze Beschreibung bringen. Da die Lokation nicht im österreichischen Trockenrasenkatalog enthalten ist und ich es auch sonst nirgendwo beschrieben fand, handelt es sich gewissermaßen tatsächlich um eine Entdeckung.

Das Gebiet von dem ich spreche liegt etwas nördlich von Oberthern (Gemeinde Heldenberg, Bezirk Hollabrunn) im Weinviertel. Hier findet man ein Luftbild und kann erkennen, dass es sich um eine seltsam geschlängelte Geländestufe am Rand der Hollabrunn-Mistelbach-Formation handelt, die kleinräumig in Weingärten, Böschungen, (verbuschende) Halbtrockenrasen, Säume, Gebüsche und Brachen gegliedert ist. Zudem weisen die Böden eine erstaunliche Vielfalt auf: während auf den steinigen Böden in den Weingärten ganz im Westen dezidierte Säurezeiger wie Filago arvensis, Myosotis stricta (VU laut aktueller RL) und Trifolium arvense subsp. arvense auftreten, findet man im mittleren und östlichen Teil Arten wie Chamaecytisus austriacus (VU) und Linum hirsutum subsp. hirsutum (EN laut aktueller RL), denen eine Bindung an Löss nachgesagt wird. Auch kalkliebende Arten wie Polygonatum odoratum und Berberis vulgaris sind zu finden.

Zuerst ein paar Bilder vom Gebiet, hier eine steile, offene Böschung oberhalb eines Weingartens:

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Dann eine Saumgesellschaft mit Geranium sanguineum und Vincetoxicum hirundinaria (subsp. hirundinaria):

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Zuletzt ein in Verbuschung befindlicher Halbtrockenrasen:

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Im folgenden einige gefährdete Arten, die ich auffinden konnte. Zuerst Cytisus procumbens (EN), eine Art, die in Österreich nur im Weinviertel auftritt:

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Linum hirsutum subsp. hirsutum (EN):

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Über Stipa pulcherrima subsp. pulcherrima (VU) habe ich in diesem Forum bereits berichtet:

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Hier der Säurezeiger Filago arvensis (im Weinviertel nicht häufig):

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Auf einer Böschung Phleum phleoides (VU) (und Alyssum alyssoides):

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Am Rande der Weingärten reiche Bestände von Iris variegata (VU):

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Im Gebüschsaum Inula hirta (VU) und nochmals Geranium sanguineum:

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Eine Böschung im Herbstaspekt mit Galatella linosyris (VU):

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Auf einer trockenen Böschung bzw. Brache Euphorbia seguieriana (VU):

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Sowie Caucalis platycarpos subsp. platycarpos (VU):

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Und Ajuga chamaepitys (VU):

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Als weitere RL-Arten wären zu nennen:
Anthriscus caucalis (VU), Cyanus segetum (VU), Equisetum ramosissimum (subsp. ramosissimum) (VU), Galium glaucum s. str. (VU), Inula ensifolia (VU), Linum tenuifolium (VU), Muscari comosum (VU), Potentilla cf. inclinata (VU), Prunus fruticosa (VU), Pulsatilla pratensis (subsp. nigricans) (VU) und Rosa spinosissima (VU).

Der Beitrag würde auch in die Rubrik "Naturschutz" passen: mir erscheinen viele Flächen durch Verbuschung gefährdet und wenn keine Gegenmaßnahmen stattfinden, werden einige Arten in ein paar Jahrzehnten wohl nicht mehr zu finden zu sein. Aus meiner Sicht wäre das ein unbedingt erhaltenswertes Gebiet.

Weitere Fotos findet man übrigens hier.

Schöne Grüße
Stefan

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Re: Halbtrockenrasen und Weingärten nördlich von Oberthern

Beitragvon Oliver Stöhr » Dienstag 13. Februar 2018, 19:48

Lieber Stefan!
Gratulation zu diesem "Neufund"! Es ist schon bemerkenswert, dass dieses Gebiet offenbar nirgends beschrieben ist. Und aufgrund der geschilderten wertgebenden Arten schaut das unzweifelhaft schutzwürdig aus. Zudem wirkt es auf der Karte gar nicht so kleinflächig.
Ich würde empfehlen, da dran zu bleiben, einmal ein vollständige Artenliste zu erheben und das Gebiet zB in der Neilreichia vorzustellen. Sicher ist auch faunistisch hier was zu holen ...
Vielleicht lässt sich eine Unterschutzstellung oder zumindest eine Absicherung einer adequaten Pflege durch Fördergelder erreichen?
Viele Grüße
Oliver

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Hermann Falkner
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Re: Halbtrockenrasen und Weingärten nördlich von Oberthern

Beitragvon Hermann Falkner » Dienstag 13. Februar 2018, 19:59

Lieber Stefan, Danke für das tolle "Portrait" dieses Kleinods, definitiv natürlich schützenswert und ja klar, längerfristig bräucht's da sicher auch Habitatpflege. Stipa pulcherrima kenn ich sonst nur von einem degradierten Trockenrasen am Königsberg bei Enzersdorf/Fischa (der steht übrigens im Trockenrasenkatalog - allerdings ohne Nennung von S. pulcherrima), und auch viele andren Arten sind ja ziemliche Raritäten.
Wär vielleicht auch was für eine Vereinsexkursion (zwar mit Öffis nicht so gut erreichbar, aber mit Bus gehts wohl so halbwegs)?
LG Hermann

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Stefan Lefnaer
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Re: Halbtrockenrasen und Weingärten nördlich von Oberthern

Beitragvon Stefan Lefnaer » Dienstag 13. Februar 2018, 20:14

Lieber Hermann,

laut ÖBB-Scotty gibt es am Wochenende gar keine Verbindung dorthin, unter der Woche schon. Im Weinviertel ist das halt schwierig mit den Öffis. Die andere Sache wäre mit einer ganze Gruppe dort aufzumarschieren, das sind letzlich lauter Privatgrundstücke. Als Einzelner hatte ich noch nie Probleme, eine ganze Horde Botaniker erregt möglicherweise Aufsehen.

Die Gegend ist dort auf jeden Fall interessant. Südöstlich liegt die bekannte "Kalte Stube". Auch dort verbuschen die Halbtrockenrasen, Inula germanica hat zwar ein recht reiches Vorkommen, aber v.a. zwischen Gebüsch und Acker (tlw. auch im Acker!) und auf einer Brache.

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Schöne Grüße
Stefan

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Jürgen Baldinger
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Re: Halbtrockenrasen und Weingärten nördlich von Oberthern

Beitragvon Jürgen Baldinger » Mittwoch 14. Februar 2018, 06:21

Bist Du dort schon einmal mit jemandem in's Gespräch gekommen und konntest vielleicht die Stimmung ausloten?
"(...) gib ihnen noch zwei südlichere Tage (...)"

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Stefan Lefnaer
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Re: Halbtrockenrasen und Weingärten nördlich von Oberthern

Beitragvon Stefan Lefnaer » Freitag 16. Februar 2018, 07:59

Ganz am Anfang traf ich anscheinend auf einen Jäger, der freundlich war, aber die Befürchtung äußere, ich könne auf Rehkitze draufsteigen (das kann vielleicht einem Orni passieren, aber doch keinen Botaniker!). Das Federgras kannte er und er schien sich auch der Schönheit und der Außergewöhnlichkeit des Gebietes bewusst zu sein. Weitergehend haben wir nicht diskutiert, da ich damals das Gebiet noch nicht so genau kannte.

Die Weingärten und anschließenden Böschungen werden genutzt bzw. gehölzfrei gehalten und solange das ohne viel Herbizide und Düngereinsatz vor sich geht, ist es sinnvoller als reine Pflegemaßnahmen. Auch gibt es trockene Wiesen oder Brachen, die anscheinend gemäht werden (Heu für Pferde etc.?). Wirklich gefährdet sind aus meiner Sicht nur die verbuschenden Halbtrockenrasen. Deren Säume sind zwar sehr schön und artenreich, aber das ist ein instabiler, vergänglicher Zustand.

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Hermann Falkner
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Re: Halbtrockenrasen und Weingärten nördlich von Oberthern

Beitragvon Hermann Falkner » Freitag 16. Februar 2018, 15:00

Ich kenn das auch, Jürgen - nicht nur Jäger, öfter sogar noch Grundbesitzer, die einen ansprechen, habe da zwar oft auch schon positive Dinge erlebt, fallweise aber auch negative ... - dh Stefan, ja völlig klar, eine ganze Gruppe könnte leicht einen der Grundbesitzer stören.
Negativerfahrung von mir war übrigens ein Bauer am Hohlweg am Johannesberg: der Bauer, dem der Acker daneben gehört, hat zu mir gemeint, ich soll "in der Hohl' bleiben" (also im Graben) und seinen Acker in Ruh' lassen, Positivbeispiel war ein Grundbesitzer, dessen Vater die Schafweide Pfaffenöden bei Rauchenwarth mit Fichten aufgeforstet hat, das war ein sehr nettes Gespräch (nicht über Botanik, sondern darüber, wie's dort früher ausgeschaut hat).
Meistens werde ich von den Bauern aber gar nicht angesprochen, nicht einmal, wenn ich im Kukurruzfeld Unkraut fotographiere (man könnt ja den Verdacht haben, dass ich was mitgehen lasse...)


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