Interview: Gerhard Hauser zur Pflege des Kalkniedermoors Brunnlust

Wie das Kostbare erhalten? Gefährdungen, Schutzmaßnahmen und Interviews
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Jürgen Baldinger
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Interview: Gerhard Hauser zur Pflege des Kalkniedermoors Brunnlust

Beitragvon Jürgen Baldinger » Donnerstag 16. März 2017, 19:53

Gerhard Hauser, Bürgermeister von Moosbrunn, unterstützt die Pflege des sich auf Gemeindegebiet befindlichen Niedermoors Brunnlust nicht nur kulinarisch, mit Bier und auch schon einmal mit selber gebackenem Brot seiner Frau, sondern auch beim Mähen selbst.

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Forum Flora Austria: Wie lange bist Du schon bei den Pflegeeinsätzen hier in der Brunnlust dabei? Wie hat sich das Niedermoor seither entwickelt?
brunnlust_2054.jpg
Gerhard Hauser (mit rot-weißer Haube)
brunnlust_2054.jpg (1.92 MiB) 667 mal betrachtet
Gerhard Hauser: Ziemlich von Anfang an, das müssen jetzt etwa 15 Jahre sein. Zwischen den Mäheinsätzen haben wir die Flächen früher auch mit Hilfe der Feuerwehr abgebrannt. Das Abbrennen mussten wir aufgrund gesetzlicher Vorgaben einstellen. Die Pflege der Brunnlust ist ein Teil unserer Umweltschutzaktivitäten. Man muss dabei sehen, dass auf der einen Seite Umweltschutz - lokal bedeutet das beispielsweise Abfallvermeidung oder -entsorgung - und auf der anderen Seite Naturschutz - also die Erhaltung der Landschaft mit all ihren Besonderheiten - beileibe nicht dasselbe ist, sondern beide durchaus in einem Spannungsfeld liegen. Darüber haben wir schon viel diskutiert, zum Beispiel über die Biber hier im Moor. Meiner Meinung nach sollte der Naturschutz dort, wo es notwendig ist, flexibler sein; hier in der Brunnlust wurden durch die Biber der vormals konstante Wasserstand durch die Aufstauung verändert, mit problematischen Folgen, siehe Cochlearia macrorrhiza-Ausbringungsprojekt. Mir tut es weh, wenn das Kind mit dem Bade ausgeschüttet wird, und manchmal muss man sich überlegen, was das kleinere Übel ist. Wenn ich mir die teilweise stark verschilften Flächen hier neben der Brunnlust anschaue, wäre das vielleicht das kontrollierte Abbrennen, weil für eine händische Mahd und Entfernen des Mähgutes die personellen Ressourcen trotz der vielen freiwilligen Helfer bei weitem nicht ausreichen. Das landwirtschafltiche Fördersystem ist zu pauschal organisiert und erlaubt zu wenig ein Eingehen auf lokale Notwendigkeiten. Beispielsweise gibt es für die Landwirte hier im Gebiet Geld dafür, Flächen brachfallen zu lassen und sie von Zeit zu Zeit zu häckseln. Zu einem Nährstoffaustrag kommt es so nicht. Ich bin für die Vielfalt, und es wäre schön, wenn unsere Förderungen besser darauf Rücksicht nähmen und weniger mit der Gießkanne vergäben. Konkret: Warum kann es nicht Geld dafür geben, dass das Häckselgut weggebracht wird?

Wie werden die anderen Flächen hier ringsum die Brunnlust bewirtschaftet?

Die Feuchtwiesen werden gemäht, das Mahdgut nehmen mittlerweile Pferdehöfe rund um Wien ab, von denen es einige große gibt. Teilweise wird das Heu auch in andere Bundesländer verkauft. In Moosbrunn selbst gibt es keine Viehwirtschaft mehr. Das Material, das heute im Pflegeeinsatz anfällt (hauptsächlich Schilf, Pfeifengras, Seggen, Kopfried, Schneidried, Anm. d. Verf.), wird auch von Pferden nicht gefressen. Es wird zunehmend zum Problem, das Mähgut zu entsorgen – bis jezt haben wir aber "Gott sei Dank" noch immer einen Weg gefunden. Wobei mir übrigens mitgeteilt wurde, dass früher sehr wohl das Mähgut der Brunnlust für die Tiere verwendet wurde. Als noch für die Feldbewirtschaftung Ochsen als Zugtiere verwendet wurden, wurden diese im Winter, wenn sie nicht so viel Energie benötigten, mit diesem Mähgut gefüttert. Ich kann mir aber vorstellen, dass durch ständiges Mähen die Pflanzenbeschaffenheit eine andere war als heute, also, dass etwa nicht so viel Schneidried wuchs.

Hat sich am Überbestand der Fasane, die den Bergeidechsen im Moor zusetzen, etwas geändert in den letzten Jahren?

Nein, gar nichts. Wenn man hier unterwegs ist, fliegen ständig welche auf. Rebhühner gibt es dafür wohl leider nicht mehr.

Wie sieht es mit den Düngereinträgen aus den Äckern aus?

Das ist eher wenig Thema. Wir haben hier eine verhältnismäßig geringe Nitratbelastung, um einiges weniger als etwa an der March. Das liegt sicher an der starken Aufdünnung durch den riesigen Wasserkörper der Mitterndorfer Senke, der durch den ständigen Zustrom von Alpenwasser vorhanden ist.

Droht der Brunnlust eine Gefährdung von Wasserentnahmen für die 3. Wiener Hochquellleitung?

Es heißt, dass der Absenktrichter nicht unterschritten werden dürfe, was einen theoretischen Maximalwert von 752 Liter pro Sekunde ermöglichen würde. Derzeit wird nur relativ wenig Wasser entnommen, ausgenommen, die Gemeinde Wien führt Wartungsarbeiten an ihren Hochquellwasserleitungen durch – dann erfolgt eine höhere Wasserentnahmemenge, jedoch darf der Konsens nicht überschritten werden. Ich kann mir aber gut vorstellen, dass in Krisen- bzw. Notsituationen die Gemeinde Wien diesen Wert überschreiten würde. Die Trinkwasserversorgung der Stadt würde sicher als vorrangig vor der Brunnlust gesehen.
"(...) gib ihnen noch zwei südlichere Tage (...)"

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