Segetalflora an/in "Bio"-Äckern

Wie das Kostbare erhalten? Gefährdungen, Schutzmaßnahmen und Interviews
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Jürgen Baldinger
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Segetalflora an/in "Bio"-Äckern

Beitragvon Jürgen Baldinger » Donnerstag 10. August 2017, 07:14

Eine Frage an die Segetalspezialisten: Habt Ihr den Eindruck, dass an bzw. in "Bio"-Äckern eine reichhaltigere Flora entwickelt ist im Vergleich zu konventionell bewirtschafteten? Oder kennt Ihr vielleicht sogar Publikationen dazu?
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Stefan Lefnaer
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Re: Segetalflora an/in "Bio"-Äckern

Beitragvon Stefan Lefnaer » Donnerstag 10. August 2017, 17:40

Das kann ich schwer beantworten, da ich ja im Normalfall nicht weiß wie ein Acker bewirtschaftet wird. Mir fällt schon auf, dass manche Äcker "schöner" sind als andere, die direkt daneben liegen. So z.B. letzten Samstag, als ich in den Leiser Bergen ein Sonnenblumenfeld mit viel Kickxia spuria etc. sah, der Maisacker daneben aber v.a. Amaranthus retroflexus usw. enthielt, Arten die im ersten Acker fehlten. Woran das liegt kann ich aber nicht definitiv sagen. Es wäre sicher interessant das zu untersuchen, dazu bräuchte man aber jeweils verlässliche Informationen zur Bewirtschaftung.

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Hermann Falkner
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Re: Segetalflora an/in "Bio"-Äckern

Beitragvon Hermann Falkner » Donnerstag 10. August 2017, 18:29

Art und Intensität (natürlich also auch Frequenz = Anzahl der Anwendungen) im Herbizideinsatz haben zweifellos erhebliche Auswirkungen auf die Beikrautflur, insbes. Maisäcker sind oft sehr beikrautarm, weil Dicotyledonengifte oft sehr reichlich eingesetzt werden.
Bioäcker sind ganz sicher reicher an Beikräutern, weil mit manuellen (= ausreissen) und maschinellen (= eggen, anackern) niemals eine annähernd so "gute" Vernichtung der Unkräuter gelingen wird wie mit Gift.

Man muss aber natürlich Äcker aus derselben Region vergleichen, artenarme Regionen wie das Mühlviertel haben womöglich im Bioacker weniger Arten als ein Weinviertler Acker, der nicht zu arg gespritzt wird - die Biodiversität im Weinviertel ist einfach viel grösser.

Die Schwierigkeit ist natürlich, wie Stefan schon schreibt, dass man nicht weiss, wie viel Herbizide verwendet werden, ausserdem müsste man schon fast den 'Giftschein' der Bauern haben, um den Überblick über die Pflanzengifte zu haben, es gibt ein grosses Sortiment...

Grundsätzlich kann man aus der Artengarnitur eines Ackers sicherlich nicht schliessen, dass es ein Bioacker ist (oder nicht), das geht sicherlich nur tendenziell, ausser man hat sehr viel Erfahrung (ich könnts nicht ansatzweise). Was man schon sieht ist, wenn ein Acker extrem niedergespritzt wird.
Grössere Unterschiede gibts dann auch in der Beikrautflora von einkeimblättrigen vs. zweikeimblättrigen - also zB Sonnenblumen vs Mais, beides übrigens Kulturen, die sehr lange "Beikrautschutz" brauchen, es kommen aber ganz unterschiedliche Herbizide zum Einsatz; in extrem niedergespritzten Maisäckern habens einkeimblättrige = Gräser leichter.

Wäre sicherlich intressant, sich das näher anzuschauen, aber wohl auch sehr mühsam.

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Jürgen Baldinger
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Re: Segetalflora an/in "Bio"-Äckern

Beitragvon Jürgen Baldinger » Donnerstag 10. August 2017, 21:02

Danke für diese Informationen!
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Thomas Z-K
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Re: Segetalflora an/in "Bio"-Äckern

Beitragvon Thomas Z-K » Freitag 15. September 2017, 15:02

Ein wichtiges Thema, da in biologische Landwirtschaft von Seiten des Naturschutzes viel Hoffnung angesichts der tristen Perspektiven in der modernen Landwurtschaft gesteckt werden. Während die positiven Umweltschutzeffekte (auf Grundwasser, Dünger- und Pestizideintrag etc.) recht klar sind, sieht es hinsichtlich Biodiversität weniger klar aus. Die Boku macht seit Jahren intensive Untersuchungen dazu am Versuchsbetrieb Rutzendorf im Marchfeld - anbei eine Übersicht sowie eine speziell auf die Segetalflora abgezielte Untersuchung. Letztere brachte überraschenderweise einmal keine signifikanten Vorteile von Bio gegenüber konventionell. Meine eigenen kursorischen Befunde lassen schon einen gewissen Artenreichtum in Bioäckern erkennen, aber womöglich ist die große Trennlinie nicht zwischen Bio und konventionell sondern zwischen "ordentlichen" und "schlampigen" Bauern - leider werden letztere in unserem Agrarfördersystem immer mehr wegrationalisiert.

Surböck et al (2006)_Monitoring Umstellung auf Biobetrieb Rutzendorf.pdf - https://www.google.at/url?sa=t&rct=j&q=&esrc=s&source=web&cd=5&ved=0ahUKEwjv9MernKfWAhWFXRQKHUpXDpgQFgg7MAQ&url=https%3A%2F%2Fwww.bmlfuw.gv.at%2Fdam%2Fjcr%3Aba87ac16-d302-4cef-8bb2-c53043aa0ca6%2FAndreas%2520Surb%25C3%25B6ck%2520ua.%2520-%2520Monitoring%2520der%2520Umstellung%2520auf%2520den%2520biologischen%2520Landbau.pdf&usg=AFQjCNEr-Q43wiRjexsE7R_NFldpxd3R1g
Rüscher (2013)_Segetalarten_Bio_Konventionell.pdf - https://www.google.at/url?sa=t&rct=j&q=&esrc=s&source=web&cd=6&cad=rja&uact=8&ved=0ahUKEwjNrIftm6fWAhVFXhQKHV7wB74QFghEMAU&url=https%3A%2F%2Fzidapps.boku.ac.at%2Fabstracts%2Fdownload.php%3Fdataset_id%3D10767%26property_id%3D107&usg=AFQjCNFENj8rNblwWhpJKzEGAm0IZjekZw

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Jürgen Baldinger
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Re: Segetalflora an/in "Bio"-Äckern

Beitragvon Jürgen Baldinger » Freitag 15. September 2017, 21:03

Wäre interessant zu sehen, wie sich Vergleichsflächen konventionell/bio in Gegenden mit größerem lokalen und regionalen Artenpool nach einigen Jahren darstellen. Das Marchfeld ist bekanntlich ausgeräumt, von isolierten Flecken abgesehen.
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Hermann Falkner
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Re: Segetalflora an/in "Bio"-Äckern

Beitragvon Hermann Falkner » Samstag 16. September 2017, 05:49

Überrascht mich, dass beim Bio-Ackerbau gar kein rechter Unterschied feststellbar ist!

Ich kann dazu ergänzen - Grünlandwirtschaft: wenn Bio-Milchbauern mit Silage bewirtschaften, dann ist auch kein signifikanter Unterschied feststellbar; ich hab das zwar nue systematisch untersucht, aber an Bio-Silowiesen im Oberen Mühlviertel erkennt man auch so die arge Artenarmut, es besteht kein augenscheinlicher Unterschied zu konventionellen Silowiesen: Nitrat ist halt Nitrat, egal ob biologisch erzeugt oder aus der industriellen Produktion, und die Anzahl der Schnitte ist auf Biowiesen auch nicht kleiner.
"Wirklich bio" wär da nur Heuwiesenwirtschaft, womöglich mit einer "pflanzenverträglichen" Nitratzufuhrsgrenze.
Übrigens - sehr dicht beschickte Almen, die sonst ja "von Haus aus" bio sind (da wird wohl kaum gespritzt und höchstens gelegentlich Kunstdünger eingesetzt), werden auch überreichlich gedüngt und solche Almen sind dann auch nicht mehr so artenreich, ist aber natürlich immer noch viel besser als Silowiesen, und an Rändern solcher Almen oder auch stellenweise mittendrin findet man dann durchaus auch noch seltenere Arten.

Von bio profitiert aber wohl eher nur die Fauna, die Flora hat nicht viel davon...


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