Interview: Oliver Stöhr über die Flora Osttirols

Wie das Kostbare erhalten? Gefährdungen, Schutzmaßnahmen und Interviews
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Jürgen Baldinger
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Interview: Oliver Stöhr über die Flora Osttirols

Beitragvon Jürgen Baldinger » Dienstag 7. November 2017, 21:00

Oliver Stöhr ist ein exzellenter Kenner der heimischen Flora im Allgemeinen und jener Osttirols im Speziellen. Gegenwärtig arbeitet er an einer Flora dieses großen Tiroler Bezirks. Im Interview erzählt er uns über das alpin geprägte Osttirol.
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Forum Flora Austria: Du beschäftigst Dich intensiv mit der Flora Osttirols, also mit dem Tiroler Bezirk Lienz. Wie kam es dazu, wie lange machst Du das bereits?

Oliver Stöhr: Mit meinen Brüdern und meinen Eltern war ich seit den 1980er Jahren fast jedes Jahr in Osttirol urlauben. Dabei habe ich natürlich zunächst noch nicht auf die Flora geachtet, denn das Interesse an der Botanik hat sich erst während meines Biologiestudiums in Salzburg herausgebildet. Erste Aufsammlungen und längere botanisch ausgerichtete Aufenthalte stammen aus der Zeit ab 2005, als ich im Zuge von Kartierungen von Mooren und alpinen Schwemmländern im Auftrag des Nationalparkes Hohe Tauern auch Osttirol mehrfach besuchte. Ab dem beruflichen Wechsel von Salzburg, wo ich seit 1993 gewohnt hatte, nach Osttirol im Jahr 2011 begann ich die Flora dieses etwas abgelegenen Ecks Österreichs dann auch kontinuierlicher zu erforschen.

Wie ist der Forschungsstatus der Osttiroler Flora? Du arbeitest ja an einer Flora des Gebiets.

Der Erforschungsstand der Osttiroler Flora ist zweifelsfrei noch ausbaufähig. Zwar gibt es die große neue Tirol-Flora von Polatschek, aber wenn man deren Daten genauer ansieht, erkennt man doch noch erhebliche räumliche und auch jahreszeitliche (phänologische) Erfassungslücken, die ich in den kommenden Jahren etwas schließen möchte. Das ist aber viel Arbeit und neben Beruf und Familie kann ich nur mit Einschränkungen das Ganze vorantreiben. Außerdem bin ich fast allein "auf weiter Flur", da es nur wenige floristisch vertieft interessierte Personen in Osttrirol gibt. Von daher wird mein Vorhaben, eine Flora von Osttirol in Druck zu bringen, noch eine gute Zeit dauern.

Kannst Du für uns das Gebiet charakterisieren? Wie wird der Bezirk naturräumlich gegliedert, wie sehen Geologie und Klima aus? Welche floristischen beziehungsweise vegetationsökologischen Besonderheiten findet man vor? Stellen die topographischen Gegebenheiten ein Problem in der Kartierungspräzision dar?

Das sind viele Fragen, die ich kurz und kompakt beantworten möchte. Generell hat Osttirol Anteil an zwei großen Naturräumen und zwar an den Zentralalpen, die hier zur Gänze von den Hohen Tauern dominiert werden, und den Südalpen, wobei sich deren Osttiroler Anteile weitgehend auf die Lienzer Dolomiten und den westlichen Teil der Karnischen Alpen beschränken. Die Geologie ist demzufolge sehr unterschiedlich, wir haben große Gebirgsstöcke aus Kalk, aber auch aus Silikat, was in Summe eine abwechslungsreiche Flora ergibt. Im Hinblick auf das Klima sind vor allem die inneralpinen Trockengebiete (Virgental, Matreier Becken, Teile des Kalser Tales, Oberes Iseltal) hervorzuheben, in denen floristische Besonderheiten wie zum Beispiel Astragalus leontinus oder Onobrychis arenaria ssp. taurerica...
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Onobrychis_arenaria_taurerica_Ködnitztal1_2009_07_16.jpg (1.23 MiB) 548 mal betrachtet
...nebst zahlreichen weiteren Trockenzeigern vorkommen. Floristische und faunistische Highlights gibt es etliche und zudem sind diese in mehreren unterschiedlichen Pflanzenformationen anzutreffen - eine Aufzählung würden hier den Rahmen sprengen. Aber dennoch möchte ich zwei Arten herausgreifen und zwar die für Osttirol so typische und auch "umkämpfte" Deutsche Ufertamariske (Myricaria germanica)...
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... und den in ganz Österreich bisher nur hier an einer Stelle gefundenen Hain-Glanzständel (Liparis nemoralis).
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Zuletzt noch die Antwort auf die Frage nach den topographischen Gegebenheiten: Ja, diese sind mitunter ein Problem, aber weniger in der Kartierungspräzision als vielmehr im Hinblick auf die Erreichbarkeit und die Gebietsabdeckung bei der Kartierung. Ich mache mir da nichts vor: Zweifelsfrei werden auch nach meiner Durchforschung noch viele Gebietslücken übrig bleiben - schon allein wegen der weiter abschmelzenden Gletscher und dem zur pflanzlichen Besiedelung freigegebenen Neuland. Aber auch die Neophyten werden ja immer mehr und generell ist die Flora ja bekanntlich dynamisch.

Du hast die mancherorts erschwerte Zugänglichkeit angesprochen: In Osttirol finden sich in Venediger- und Glocknergruppe die höchsten, fast 4 km aufragenden Gipfel des Landes, insgesamt sind 150 Berge über 3000 m hoch. Was sind die am schwierigsten zugänglichen Flächen, wo liegen die entlegensten?

Die Bergwelt Osttirols ist an sich nicht schlecht erschlossen, es gibt in etlichen Tälern Straßen oder Wanderwege. In fast jedem Gebirgszug gibt es schwerer zugängliche Ecken - weglos in stundenlangen Anmärschen erreichbar. Dennoch würde ich die entlegensten Bereiche vielleicht in Teilen der Venedigergruppe und der Villgrater Berger ansiedeln.

Wie steht es um den Schutz der Isel? Sie weist ja keine Kontinuumsunterbrechungen auf, und gerade der unverbaute Oberlauf dieses Gletscherflusses gilt als naturschutzfachlich besonders wertvoll. Wodurch zeichnet er sich aus? Und wie ist der aktuelle Stand der Schutzbemühungen?

Die Isel ist ab der Grenze des NP Hohe Tauern im Bereich der bekannten Umbalfälle (fast) zur Gänze als Natura-2000-Gebiet nominiert worden. Nur der im Gebiet der Stadtgemeinde Lienz befindliche Unterlauf wurde ausgespart. Nach aktuellen Medienberichten reicht der EU-Kommission die bisherige Ausweisung von Isel und einzelnen Zubringerabschnitten jedoch nicht, wie es weitergeht steht allerdings noch in den Sternen. Das Besondere an der Isel sind sicher das Fehlen von Kontinuumsunterbrechungen und Kraftwerken, die vorherrschende Dynamik als Gletscherfluss und die Ausbildung einer Vielzahl von Alluvionen, an denen die Deutsche Ufertamariske als Indikatorart naturnaher Fließgewässer eine intakte Metapopulation ausbilden kann.

Über die Grenzen des Bezirks hinaus bekannt ist natürlich der Nationalpark Hohe Tauern. Welche niederrangigeren Schutzgebiete bestehen noch?


Neben dem Nationalpark Hohe Tauern und dem erwähnten N2000-Gebiet Isel und Zubringer gibt es noch ein Landschaftsschutzgebiet in den Lienzer Dolomiten, das "LSG Kerschbaumertal und Galitzenbachgraben", und einige Naturwaldzellen. Zudem gibt es etliche punktförmige Naturdenkmäler (meist Bäume), geschützte kleine Stillgewässer wie zum Beispiel die so genannte Zwischenberger Lacke oder den Nörsacher Teich, und einen geschützten Baumwacholderhain in Lavant.

In welchem Zustand sind diese beziehungsweise wo liegen ihre Chancen und Gefährdungen?

Die Erhaltungszustände würde ich - ohne alle Schutzgebiete noch hinreichend zu kennen - durchwegs für gut befinden, lediglich der Nörsacher Teich hat meines Erachtens das Prädikat "Naturdenkmal" nicht mehr verdient, da er "gekippt" und von Schilf und Neophyten weitgehend zugewachsen ist. Die BH Lienz als zuständige Behörde ist dahingehend schon informiert.

Wie sehr unterstützt die Politik den Naturschutz in Osttirol? Was Myricaria germanica betrifft, zeigt sich die Landesregierung eher als Hemmschuh, oder?

Ich möchte hier nicht die Arbeit der Landesregierung in Sachen Naturschutz kommentieren oder gar beurteilen, das steht mir nicht zu.

Mit Liparis nemoralis hast Du eine besondere, erst 2012 beschriebene Art gefunden, siehe Neilreichia Bd. 8. Über welchen Schutzstatus verfügt der Fundpunkt, der Lavanter Forchach gegenwärtig? Wer ist Eigentümer der Fläche?

Das Vorkommen dieser weltweit seltenen Art habe ich der BH Lienz, der Gemeinde Lavant und der Wildbach- und Lawinenverbauung (WLV) als Eigentümer bekannt gegeben, es liegt derzeit in keinem Schutzgebiet. Ich habe auch schon der BH Lienz ein Schutzgebiet empfohlen (zum Beispiel würde die Ausweisung als Naturdenkmal durchaus gut passen), aber dieser Vorschlag liegt im Moment ad acta. Ich werde aber dranbleiben und das Vorkommen künftig "monitoren".

Welche Rolle spielt im Bezirk die Almwirtschaft, welche Zukunft siehst Du für sie? Wie geht es den Bergbauern, sind Abwanderung und Siedlungsaufgabe Thema?


Aus meiner Sicht ist die Almwirtschaft bei uns noch mehrheitlich intakt. Das zeigen nicht nur die Zahlen neu errichteter Almwege, sondern auch die Stückzahlen an aufgetriebenem Vieh. Bei der Bergmahd gäbe es sicher noch Luft nach oben, da sind doch viele Flächen nunmehr brach. Aber kaum jemand tut sich die gefahrvolle und schweißtreibende Arbeit noch an.

Welche (ökologisch interessante) Touren würdest Du jemandem mit vergleichsweise geringer Geländetauglichkeit empfehlen, der zum ersten Mal in Osttirol ist? Welche mittelschweren Wanderrouten würdest Du vorschlagen, und welche Flecken lassen die Herzen der guten Bergsteiger höher schlagen?

Auf jeden Fall sollte man als wenig Bergvertrauter die durchaus vielfältigen Aufstiegshilfen nutzen, so etwa die Mautstraßen in Kals (Ködnitzal), zur Dolomitenhütte in den Lienzer Dolomiten oder auf den Hochstein bei Lienz. Bereits wenige Meter von der Straße entfernt, ist da viel zu sehen. Ober aber man nutzt die Seilbahnen zur Connyalm (Obertilliach) und erkundet den Golzentipp - da gibt es unter anderem viele Orchideen und Hybriden zu entdecken, über die Norbert Griebl heuer einen interessanten Aufsatz in den Osttiroler Heimatblättern verfasst hat. Immer auch schön und einen Besuch wert sind die artenreichen Wiesen um das Kals-Matreier-Törlhaus, die man ebenso mit der Seilbahn von Matrei oder Kals aus erreichen kann. Anspruchsvolle und floristisch lohnende Touren gibt es praktisch in jeder Gebirgsgruppe Osttirols!

Danke für das Gespräch!


(Copyright & Bildautor Oliver Stöhr)
"(...) gib ihnen noch zwei südlichere Tage (...)"

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