Die Wälder der Hollabrunn-Mistelbach-Formation

Beispielsweise Lokalfloren, Taxonomie, Sippen- und Gebietsdiskussionen, Fachexkursionen
kurt nadler
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Re: Die Wälder der Hollabrunn-Mistelbach-Formation

Beitragvon kurt nadler » Sonntag 2. August 2020, 00:21

danke für den interessanten beitrag.
das erklärt ein wenig meine wiederholten probleme, im pannon laserp. lat. von laser t. vegetativ zu unterscheiden, während im alpenraum las. lat. stets ganz anders ausschaut.
selinum ist für mich im pannon neu, während es in den salzburger voralpen ziemlich kommun in versch. extrensivgrünlandtypen vorkommt. kennenlernen konnte ich es vor jahrzehnten allerdings als mühlviertler seltenheit in molinieten und einem wechselfeuchtwald.

Peter Pilsl
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Re: Die Wälder der Hollabrunn-Mistelbach-Formation

Beitragvon Peter Pilsl » Mittwoch 5. August 2020, 08:38

Zu Laserpitium latifolium: So stark behaarte Formen gibt es auch im Alpenraum. vergl.: http://131.130.131.10/herbaria/jacq-vie ... lsl_025784 womit sich die Angabe in der Exkursionsflora relativiert.
Peter Pilsl
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Stefan Lefnaer
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Re: Die Wälder der Hollabrunn-Mistelbach-Formation

Beitragvon Stefan Lefnaer » Freitag 7. August 2020, 21:27

Im folgenden seien einige weitere typische Arten des Glasweiner Waldes vorgestellt. Veratrum nigrum ist laut Fischer et al. (2008) "bes. an der Thermenlinie hfg bis zstr, sonst slt.". Tatsächlich ist die Art auch im Glasweiner Wald recht häufig, die Angabe dürfte aufgrund unzureichender Gebietskenntnis entstanden sein.

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Digitalis grandiflora (im Pann  VU ) ist ebenfalls nicht selten und hier wohl auch nicht sonderlich gefährdet.

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Dianthus superbus subsp. superbus  EN  tritt laut Fischer et al. (2008) auf "wechselfeuchten Wiesen und Dämmen" auf. Im Glasweiner Wald jedoch auch in trocken-warmen Wäldern und auf Lichtungen, wie schon Jurasky (1980) angemerkt hat.

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Stefan Lefnaer
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Re: Die Wälder der Hollabrunn-Mistelbach-Formation

Beitragvon Stefan Lefnaer » Freitag 7. August 2020, 22:10

Nun ein kulturhistorischer Exkurs. Der Glasweiner Wald, der wie ein natürlicher Riegel im schon lange dicht besiedelten Weinviertel liegt, ist von einem dichten Netz an Wegen durchzogen. Auffällig ist ein gut ausgebauter, weitgehend ebener Weg der entlang der Höhenrücken verläuft und in der amtlichen Karte als "Hochstraße" verzeichnet ist. Quer dazu verlaufen steilere Wege die von der umliegenden Agrarlandschaft auf den bewaldeten Hügelrücken hinaufführen und oftmals durch die lange Benützung als Hohlwege eingeschnitten sind. Dieses Wege und speziell die Hochstraße dienten sicher bereits seit Jahrhunderten als wichtige Verbindungen zwischen Ortschaften. Die auffallend mobile Bevölkerung der Frühen Neuzeit war v.a. zu Fuß, eventuell mit Zugtieren unterwegs und man kann sich vorstellen wie viele Menschen dort bereits die Wege gekreuzt haben und im Wald Rastpausen einlegten. An Kreuzungen dienten v.a. religiöse Denkmäler als Orientierungshilfe. Ein solches ist das Wichtenkreuz, das an der Kreuzung zwischen der Hochstraße und dem Weg zwischen Porrau und Kleinstetteldorf liegt. Leider konnte ich nichts in der Literatur darüber finden, weder im Dehio noch in der Kunsttopographie, da der Band des Bezirks Hollabrunn noch fehlt. Daher versuche ich eine Beschreibung. Etwas versteckt im Wald neben der Hochstraße gelegen, handelt es sich um einen abgefasten Pfeiler mit Tabernakelaufsatz und Steinkreuzbekrönung:

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Die Tabernakelseiten enthalten plastische Darstellungen und zwar ein Kruzifix,
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die hl. Familie

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und den hl. Antonius von Padua, Schutzpatron der Bäcker, Schweinehirten, Bergleute, Reisenden (passt gut) und Sozialarbeiter:

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Auf der Rückseite ein Sinnspruch: "THUE RECHT / FORCHTE GOTT / SCHEUCH NIE- / MANT GOTT / SICHT ALLES" (vgl. hier):

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Am Schaft erfahren wir etwas über die Errichtung des Tabernakelpfeilers: "1707 HAT HERR / JOHANNES WIC- / HT DAS CREIZ / ANHERO GOTT / ZU EHRN SETZEN / LASEN".

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Das kulturhistorisch interessanteste Detail sind jedoch aus meiner Sicht die zahlreichen Eingravierungen am Schaft, die in späterer Zeit durch Reisende, die hier am Kreuz lagerten, angebracht wurden. Menschen aus unterschiedlichen Zeiten und unterschiedlicher Herkunft haben sich hier verewigt, vielleicht auch über Gaunerzinken miteinander kommuniziert. Warum sie dort gingen, wohin sie wollten, was sie dabei dachten und fühlten, das werden wir wohl nie herausfinden können.

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Re: Die Wälder der Hollabrunn-Mistelbach-Formation

Beitragvon Jürgen Baldinger » Samstag 8. August 2020, 06:53

Schöner kulturhistorischer Exkurs, danke! Wie werden dort Offenflächen wie auf Bild 20200807_161429 freigehalten? Sind das Schlagbrachen? Oder wird stellenweise gemäht?
"(...) gib ihnen noch zwei südlichere Tage (...)"

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Stefan Lefnaer
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Re: Die Wälder der Hollabrunn-Mistelbach-Formation

Beitragvon Stefan Lefnaer » Samstag 8. August 2020, 07:06

Das ist eine südwestexponierte Schlagfläche die langsam wieder zuwächst. Aufgrund des Schotteruntergrunds wohl ziemlich langsam. Gemäht wird da nicht. Ich habe Dianthus superbus dort auch schon im Wald direkt gefunden, wobei es sich um einen sehr lichten Wald gehandelt hat.

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Re: Die Wälder der Hollabrunn-Mistelbach-Formation

Beitragvon Stefan Lefnaer » Freitag 21. August 2020, 21:16

Heute konnte ich im Glasweiner Wald endlich Peplis portula (= Lythrum portula)  VU , im Pann  EN , finden. Am Rande einer Wildschwein-Suhle findet die feuchtigkeitsliebende Art auf den offenen Lehmböden geeignete Lebensbedingungen vor. Jurasky (1980) gibt die Art für das Gebiet für "Feuchte Waldwege - Waldtümpel" an, aber als "sehr selten". Ich werde nun an weiteren geeigneten Stellen suchen, ob ich noch weitere Populationen finden kann.

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Re: Die Wälder der Hollabrunn-Mistelbach-Formation

Beitragvon Stefan Lefnaer » Sonntag 30. August 2020, 21:39

Im Glasweiner Wald findet man auch Arten die laut Fischer et al. (2008) im collinen Weinviertel gar nicht vorkommen dürften. Hier zwei Beispiele von heute von nächst Weyerburg (jeweils mit der Höhenstufenangabe aus Fischer et al. (2008)).

Cyclamen purpurascens, "(subm–)mont(–suba)":

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Aconitum variegatum subsp. variegatum, im Pann  VU , "(subm–)mont–suba(alp)":

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Re: Die Wälder der Hollabrunn-Mistelbach-Formation

Beitragvon Hermann Falkner » Sonntag 30. August 2020, 22:31

Also Aconitum variegatum kenn ich so tief gelegen zwar auch noch nicht (super Fund!! ist so tief sicher eine Rarität), bei Cyclamen purpurascens hab ich aber auch schon öfters festgestellt, dass die Exkursionsflora-Angabe kaum stimmen kann (alle abweichenden Vorkommen als "Klostergarten-Survivals" wegzuerklären greift wohl auch zu kurz).

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Re: Die Wälder der Hollabrunn-Mistelbach-Formation

Beitragvon Stefan Lefnaer » Sonntag 30. August 2020, 22:43

Aconitum variegatum subsp. variegatum finde ich im Glasweiner Wald zerstreut immer wieder und Jurasky (1980) gibt die Art auch schon von da an.


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