Exkursion Wildnisgebiet Dürrenstein, Führung Reinhard Pekny

Beispielsweise Lokalfloren, Taxonomie, Sippen- und Gebietsdiskussionen, Fachexkursionen
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Jürgen Baldinger
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Exkursion Wildnisgebiet Dürrenstein, Führung Reinhard Pekny

Beitragvon Jürgen Baldinger » Sonntag 18. Oktober 2020, 01:18

Heute fand auf Einladung des Biosphärenparks Wienerwald eine Führung im Wildnisgebiet Dürrenstein, einziges mitteleuropäisches Schutzgebiet der IUCN-Kategorien Ia (Strict Nature Reserve) und Ib (Wilderness), letzter Urwald des gesamten Alpenbogens und seit 2017 UNESCO-Weltnaturerbe, statt. Im Unterschied zu einem Nationalpark, bei dem auch lokal- und tourismuswirtschaftliche Aspekte sowie die Erholungsfunktion zählen, stehen bei einem Wildnisgebiet nur Forschung, Naturschutz und Bildung im Vordergrund.

Kompetent, freundlich und auf schon existenzielle Weise beeindruckend wurden wir von Förster Reinhard Pekny, zuständig für das Naturraummanagement im Schutzgebiet, ein kleines Stück in dieses hineingeführt. Zunächst erzählte Pekny, welche Verkettung von besonderen Umständen auftreten musste, damit dieser seit der letzten Eiszeit fast unberührte Urwald erhalten bleiben konnte. Kurz dargestellt:
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Schon 1330 waren in diesem einstmals bitterarmen Gebiet nur mehr weniger als 10 Prozent des Waldbestands ungenutzter Primärwald. Bis weit in das 20. Jahrhundert sei den Bauern wichtiger gewesen, Rinder zur Waldweide schicken zu können und damit den Wald zu degradieren als gutes Stammholz für künftige Generationen zu bekommen. Der Spatz in der Hand und die Taube auf dem Dach: Das unmittelbare Überleben war wichtiger als eventuelle Bauprojekte von Kindern, zu denen es schlimmstenfalls ohnehin nicht gekommen wäre. Die Waldverjüngung wurde dadurch stark beeinträchtigt, auch die Baumartenverteilung. Jahrhundertelang stritten Kartäuser, die über sämtliche nach Norden in die Donau entwässernden Gebiete verfügten und Stift Admont, die die südlich der Wasserscheide liegenden Flächen, deren Fließgewässer in die Salza abflossen, bewirtschafteten. Die Auseinandersetzung wurde mit durchaus rauen Methoden geführt, war aber eine Voraussetzung, dass das schwer zugängliche Gebiet nicht überprägt werden konnte. Unter Josef II. kam es zur Enteignung von kontemplativen Ordensinstitutionen, die keinen volkswirtschaftlichen Beitrag leisteten, damit kam das Gebiet unter staatliche Verwaltung. Mit den damaligen technischen Möglichkeiten scheiterte eine forstwirtschaftliche Verwertung aber an widrigsten Umständen. 2000 mm Jahresniederschlag, oft sechs Monate Schneebedeckung mit bis zu acht, neun Metern Schneelage verhinderten, was andernorts normal war, nämlich die radikale wirtschaftliche Nutzung des Waldes. Dennoch schrumpfte der Urwald weiterhin langsam, um etwa 1 ha jährlich. Und weil auch damals schon Privatisierungen als probat angesehen wurden, wurde das Waldgebiet 1869 von einer Aktiengesellschaft übernommen, die sich damit aber überhob und an den schwierigen Bedingungen scheiterte, sodass bereits 1875 Konkurs angemeldet werden musste. Für den Wald ein Glück, sagt Pekny: "Einer der Aktionäre, der Bankier und Naturromantiker Baron Albert Rothschild, übernahm aus sozialen Gründen das Vermögen der AG, um die Kleinaktionäre zu schützen. Als Rothschild den Urwald um den Dürrenstein und den Lahnwald, den zweiten Urwald hier, sieht, ist er begeistert, verliebt sich in das Gebiet und stellt es außer Nutzung." Von seinen Zeitgenossen wurde er dafür verlacht, grundsätzlich spricht man in der Gegend aber heute noch dankbar von den vielen Sozialprogrammen, die Rothschild für die ansässigen Bewohner finanziert hat. Durch die Nationalsozialisten wurde der Besitz arisiert, nach dem Krieg refundiert. Heute gehört der weitläufige Besitz der Familie Prinzhorn.

Was die großen Beutegreifer betrifft, wurden einige der gelegentlich offenbar vor allem aus dem Norden zugewanderten Luchse (die dabei Donau und Autobahn überwinden müssen) Opfer illegaler Abschüsse, dasselbe gilt für Braunbären, die von der Landwirtschaft toleriert werden, aber bei manchen Jägern zu Futterneid führen. Beim immer wieder durchziehenden, reproduktionsstärkeren Wolf ist es wohl eine Frage der Zeit, bis sich hier ein Rudel etabliert. Umherziehende Männchen werden immer wieder nachgewiesen, nur die Damen fehlen bei Meister Isegrim noch. Dem Schwarzwild, das vor einigen Jahren vorübergehend auftrat, liegen die enormen Schneemengen, die das Brechen des Bodens und die Fortbewegung unmöglich machen, nicht. Rotwild kommt in die Tallagen, nur beim Rehwild gibt es extreme Spezialisten: Fällt über Nacht eine große Menge Pulverschnee, und das können hier durchaus ein bis zwei Meter sein, lassen sich einige Rehe einsinken und leben dann tagelang von Knospen, bis der Schnee wieder trägt. Was für eine Anpassungsleistung. Fischotter schauen manchmal vorbei, bleiben dann aber wieder beim gedeckten Tisch der Fischteiche außerhalb des Gebiets. Für Krebse ist zu viel Geschiebe in den Bächen vorhanden. Mit dem Biosphärenpark gibt es unter anderem ein Habichtskauz-Auswilderungsprojekt, von zwei Steinadler-Revieren berichtet Pekny auch.

Zu Beginn finden wir straßenbegleitend die west- und zentralchinesische Sinacalia tangutica, die hier in den Ybbstaler Alpen lokal eingebürgert ist.
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Wir sind dann den so genannten Eulenweg, der zu Beginn auf einer Forststraße liegt, entlang gewandert. Am Wegrand stehen zahlreich goldene Horste von Molinia. Aufgrund der fast kahlen Ährchenachse hätte ich caerulea dazu gesagt, aber ist diese Art nicht kalkmeidend? Der Erhalt dieser Straße ist unumgänglich, da die zweite Wiener Hochquellwasserleitung vom Hochschwab durch den dort verlaufenden, fast sechs Kilometer langen Lueger-Stollen durch das Dürrenstein-Massiv geleitet wird.

Im Steinbach ist unserem Förster noch viel zu wenig Totholz. Verklausungen, zum Beispiel nach Lawinenabgängen, und folgende Schotteranlandungen würden erst zu einem reichhaltigen Leben im Interstitial führen. An kleineren Nebenbächen funktioniert das schon ganz gut. "Leider haben wir nur wenige Referenzgewässer, wie so etwas aussehen sollte", sagt Förster Pekny. Die größeren Bäche seien quasi Driftkanäle, Flüsse wie die Ybbs Floßstrecken, jahrhundertelang zum Ausbringen des Holzes genutzt. Inseln wurden abgegraben, Felsstufen weggesprengt. Bachbegleitend neben Salix eleagnos die schöne Alnus incana.
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An den Wegrändern steht Orobanche zahlreich, aufgrund der möglichen Wirtspflanzen (Petasites) und Peknys Bestätigung, dass sie hier vorkommt, würde ich O. flava annehmen.
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Ein Tannenhäher fliegt vorbei. Um den Dürrenstein sind übrigens alle heimischen Raufußhühnerarten vertreten, und der Dreizehenspecht kommt hier auf seinen stärksten Bestand in Österreich. Das Gestein im Gebiet wird von Dachsteinkalk und Dolomit aufgebaut, beides Sedimentationskalk. Durch das Widerlager der Böhmischen Masse ist der härtere Dolomit zerdrückt worden und tritt hier zerbröckelnd auf. "10 Prozent des Dürrensteins sind zerklüftet und hohl. Der tiefste, befahrbare Schacht reicht 400 m in den Berg", sagt Pekny. Zahlreiche Knochenfunde, bis um das Jahr 1000, gibt es vom Wisent. À propos Wisente: Die Tiere würde man bei der Schutzgebietsverwaltung gern für die vorhandene, bestoßene Almfläche haben, die bewusst offengehalten wird. Ein Problem stellen nämlich die zusehends geringeren Förderungen für Almbewirtschaftung dar. Allerdings wäre das dann notwendige, massive Einzäunen höchst aufwändig.
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Die natürliche Waldgesellschaft auf unserer Route zunächst entlang des Steinbachs und dann den Freienbachgraben hinauf ist der montane Fichten-Tannen-Buchen-Wald.
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Tannen kommen lokal gehäuft vor, von einem Drittelanteil ist man aber noch weit entfernt. "Es ist nicht nur der Wildverbiss", so Pekny. Auch der immer später kommende und dann oft schwerere Schnee sorgt für Ausfälle. Und was wir unterschätzt haben, ist der Einfluss von Mäusen auf die Waldentwicklung. Fallen ein Maus- und ein Mastjahr zusammen, kommt in diesem Jahr kein Jungbäumchen durch." Anfangs habe man noch nachgeholfen bei der Baumartenverteilung. Dies seien aber letztlich klägliche Versuche im Vergleich dazu, was die Natur macht, sagt Pekny. "Wir hatten einen gewaltigen Lawinenabgang durch eine Fläche mit hundertjährigem Baumbestand. Und das war eine lehrreiche Erfahrung für uns. Diese Lawine fegt durch und nimmt alles mit. So etwas hätten wir uns nie getraut. Im ersten Moment blutet einem schon das Herz. Aber auf dieser Skala arbeitet die Natur. Sie klotzt und kleckert nicht. Und dann entsteht Neues. Wenn heute einer unserer Mitarbeiter, ein pensionierter Förster, sagt, dass er eine Fläche gefunden habe, wo man vielleicht etwas nachhelfen könnte, hat er meinen Segen, ich sage ihm nur: 'Bitte, gern, schau hin und mach es, verwirklich' Dich... Es macht keinen Unterschied auf Sicht von Jahrhunderten, und das sind die Zeitmaßstäbe, um die es in einem Wildnisgebiet geht. Was wir eingreifend tun wollen, ist belanglos. Wichtig ist, dass wir uns hier trauen, die Natur sein zu lassen." Erwähnenswert vielleicht im Zusammenhang mit der Taxus ✕media-Problematik, auf die Oliver hingewiesen hat: Während diese Taxus-Hybride in und um Siedlungen zahlreich verwildert, ist dem bei Taxus baccata hier in der Wildnis der nördlichen Kalkalpen nicht so. Die Erholung der lange dezimierten Eiben-Bestände geht nur langsam vor sich. Pekny erzählt von einer Pilzart, deren Namen ich leider nicht notiert habe, und vor der es nur ganz wenige Fundpunkte weltweit gibt, unter anderem hier am Dürrenstein und von seltenen Schleimpilzen, die auf ausapernden Flächen nur wenige Tage vorhanden seien. Der Unterschied zwischen Urwald und den benachbarten, außer Nutzung gestellten Flächen, die Ersterem physiognomisch bereits ähneln würden, sei enorm, sehe man sich etwa das Pilznetzwerk im Boden an. "Das dauert wohl 1000, 2000 Jahre, ehe daraus ebenfalls ein echter Urwald wird.

Nach einem kurzen, steilen Aufstieg Richtung Tremmel erzählt unser Führer von den enormen Totholzmengen im Wildnisgebiet: "Wir haben hier etwa 30 qm Totholz pro ha. In einem Wirtschaftswald sind es vielleicht 5 qm. Und dieses Holz ist nicht nur Lebensraum für unzählige Tier- und Pilzarten, es wirkt auch physikalisch, nämlich wie ein Schwamm als Wasserspeicher. Die Bodenauflage ist hier dünn." Dem Totholz kommt eine Pufferfunktion zu. An diesem Punkt der Runde, sozusagen der Point of Safe Return, machen wir uns wieder auf den Weg zurück in's Tal. Es regnet seit fünf Stunden.

Punkto Jagd ist zu sagen, dass es keinen Abschussplan gibt, das Wildnisgebiet ist aus dem Jagdgesetz draußen. Ausjudiziert hat das Gebiet nicht einmal mehr einen Rechtsanspruch auf einen Abschussplan. Fütterungsstellen werden zunehmend aufgelassen. Wo es notwendig ist, gibt es Schalenwildregulation. Zur Organisation der Schutzgebietsverwaltung befragt, sagt Pekny: "Wir sind als Verein angemeldet, nicht als GmbH, wie bei anderen Schutzgebieten. Wir hatten das Budget nicht. Und bevor wir jemanden für die Büroassistenz einstellen, nehmen wir um das Geld lieber angrenzende Flächen aus der Nutzung. Zwei Drittel unseres Budgets stellen wir selber auf. Wir haben kein Büro, und wir fahren mit unseren eigenen Autos." Vom Land NÖ gebe es kein Geld. Private Sponsoren, die teilweise ungenannt bleiben wollen, sind wichtige Unterstützer. Wie sieht es mit Zugänglichkeit für Forschungsarbeiten aus? Pekny: "Das Gebiet ist letztlich zu klein, um allen diesbezüglichen Anträgen stattzugeben. Wir haben einen wissenschaftlichen Beirat und bewerten gemeinsam, ob das Projekt für das Gebiet wichtig ist oder ob die Forschungsarbeit auch anderswo durchgeführt werden kann."

Im Urwald selber waren wir zwar nicht, aber eindrucksvoll war die Führung jedenfalls. Fazit: Drei Daumen hoch. Wer die Gelegenheit hat, sollte sich selber ein Bild davon machen. Was für eine Kostbarkeit haben wir. Auf Alpinsteigen mit teilweise ganztätigen Touren kann das Gebiet offiziell erkunden, wer auf den markierten Wegen bleibt.
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Re: Exkursion Wildnisgebiet Dürrenstein, Führung Reinhard Pekny

Beitragvon Hermann Falkner » Montag 19. Oktober 2020, 10:51

Danke für den Bericht ;-) auch wenn ich vielleicht nie dorthin kommen werde, so rückt einem dieses Wildnisgebiet näher.
Man vergisst oft, dass auch schon vor dem 20. Jh unsere Wälder massiv bewirtschaftet und ausgebeutet worden sind, dein Bericht erinnert wieder mal dran.

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Re: Exkursion Wildnisgebiet Dürrenstein, Führung Reinhard Pekny

Beitragvon Pablito » Montag 19. Oktober 2020, 17:20

Servus Jürgen,
super Bericht :-)
Ich war letztes Jahr im Urwald mit dem Reinhard Pekny, wobei sich herausgestellt hat, daß ich mit seinem Bruder Wolfgang Pekny seit über 40 Jahren befreundet bin. Der Wolfgang P. hat lange für Greenpeace und später für Global 2000 gearbeitet: https://de.wikipedia.org/wiki/Wolfgang_Pekny
Ich hatte letztes Jahr das Glück auch in den Urwald zu kommen, wo sehr alte Tannen stehen mit an die 80m Höhe, und schon vom Stammdurchmesser gigantisch sind :-)
k-80m hohe Tanne.jpg
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Re: Exkursion Wildnisgebiet Dürrenstein, Führung Reinhard Pekny

Beitragvon Jürgen Baldinger » Montag 19. Oktober 2020, 20:37

Freut mich, dass es Ergänzungen gibt. Gibt es noch weitere Bilder des Urwalds dort?
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Re: Exkursion Wildnisgebiet Dürrenstein, Führung Reinhard Pekny

Beitragvon Carnifex » Mittwoch 21. Oktober 2020, 00:22

Auch ich durfte auch an dieser Exkursion teilnehmen, und da ich generell selten in den Bergen bin, ist eine solche Alpenwelt für mich immer etwas ganz Besonderes. Da fällt es schwer, auf der einen Seite sowohl die Landschaft und das 'große Ganze' wahrzunehmen und andererseits zu schauen was dort am Boden so alles wächst (entomologisch war aufgrund der Jahreszeit und des Wetters eh fast nix unterwegs und neben dem schon genannten Tannenhäher waren ein paar Felsenschwalben aus ornithologischer Sicht erwähnenswert - wie finden die unter solchen Bedingungen noch Insekten?)

Die Exkursionsgruppe war für meine Verhältnisse recht zügig unterwegs (sonst hätten wir die Route auch nicht vor Einbruch der Dunkelheit geschafft), und durch das Dokumentieren von Moosen, Flechten etc. hab ich dann oft den Anschluss an die Gruppe wieder suchen müssen, daher danke ich Jürgen an dieser Stelle für seinen ausführlichen Bericht - nicht immer war ich rechtzeitig da wenn etwas Interessantes erzählt wurde... :-)
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Hier nun ein paar weitere Impressionen
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Re: Exkursion Wildnisgebiet Dürrenstein, Führung Reinhard Pekny

Beitragvon Carnifex » Mittwoch 21. Oktober 2020, 00:57

Neben den üblichen Neophyten (Springkraut, Goldrute und Berufskraut) auch größere Bestände von Physocarpus opulifolius
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Ein wenig hat auch noch geblüht:
Campanula cespitosa
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Euphrasia salisburgensis
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Heracleum austriacum
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Welche Rosa hat solche langen Früchte?
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Und dieses Polygala?
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Fissidens dubius, was für ein interessantes Moos!
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Peltigera praetextata, größer als mein Handteller
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Riesige Baumpilze, Fomitopsis pinicola
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Solorina saccata
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Re: Exkursion Wildnisgebiet Dürrenstein, Führung Reinhard Pekny

Beitragvon Jürgen Baldinger » Mittwoch 21. Oktober 2020, 06:17

Die Rose könnte Rosa pendulina, die Kreuzblume Polygala amara sein.
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Re: Exkursion Wildnisgebiet Dürrenstein, Führung Reinhard Pekny

Beitragvon Stefan Lefnaer » Sonntag 21. Februar 2021, 22:31

Gibt es eigentlich Untersuchungen die die Biodiversität (sowohl die α-Diversität auf bestimmten Flächen als auch die β-Diversität zwischen Flächen unterschiedlicher Sukkzessionsstadien nach Windbruch, Lawinen, Schlägerungen, Auf-Stock-setzen der Niederwaldschicht usw.) in solch einem Wildnisgebiet und einem über Jahrhunderte vom Menschen bewirtschafteten und "ausgebeuteten" Wald vergleichen? Kennt da jemand etwas? Es ist schon klar, dass man das Wildnisgebiet Dürrenstein nicht direkt z.B. mit einem lichten, trockenen Mittelwald im Weinviertel vergleichen kann. Sowohl wegen der unterschiedlichen geographischen und Höhenlage als auch weil jede Art schützenswert ist, egal ob sie seit dem Ende der letzten Eiszeit da oder im Neolithikum oder in dieses spezielle anthopogene Habitat mit Hilfe des Menschen eingewandert ist etc. Interessant wäre es trotzdem, zumal viele Menschen, sogar naturinteressierte, nur "unverfälschte" Natur, die es in Mitteleuropa gar nicht mehr gibt (auch das Wildnisgebiet ist z.B. durch menschengemachten Stickstoffeintrag aus der Luft und das Ausrotten von großen Pflanzenfressern durch den Menschen verändert) für schützenswert erachten, aber nicht Kulturlandschaften. Anthropogene Landschaften (z.B. Heiden, die in Wirklichkeit -- der Graus aller Förster -- durch Beweidung degradierte ehemalige Wälder sind) werden allerdings oft mit Naturlandschaften verwechselt und dann ebenfalls für wertvolle "Natur" gehalten.

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Re: Exkursion Wildnisgebiet Dürrenstein, Führung Reinhard Pekny

Beitragvon kurt nadler » Montag 22. Februar 2021, 12:20

Ich kann nur themastreifend erwähnen, dass man in Buchenurwäldern durchaus Vegetationsaufnahmen machen kann, die nur eine einzige Art, die Buche, umfassen (siehe https://www.zobodat.at/pdf/STAPFIA_0111_0206-0238.pdf, Seite 218) und dass Buchenurwälder zu den artenärmsten Lebensraumtypen Europas gehören können. Es gibt nicht so viele Organismen, die in Klimaxwäldern überdauern können, zum Glück gibts auch in der (wenigstens der wasser- oder felsgeprägten) Naturlandschaft eine enorme Standortsvielfalt.
Eine Forstraße in den Urwald rein, und schon steigt die Biodiversität beträchtlich - so die -fachlich richtige - Marketingstrategie der ÖBf; wird auch freimütig praktiziert, wie unsere Biotopkartierungsergebnisse in Sbg. zeigen.
Deswegen verschließe ich mich so weit möglich der Modeströmung "Biodiversitätsschutz" und bleib beim guten alten "Naturschutz", der allerdings auch eine höchst missverständliche Terminologie aufweist, weil man ja dabei fast nur "Kulturschutz" betreibt.


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