Verständnisfrage

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Jürgen Baldinger
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Verständnisfrage

Beitragvon Jürgen Baldinger » Dienstag 5. Juni 2018, 22:33

Im zweitwichtigsten Buch, Ellenbergs & Leuschners "Vegetation Mitteleuropas mit den Alpen", 6. Auflage, heißt es im Kapitel 13 (Vegetation der alpinen und nivalen Stufe) bei "Flora und Entstehungsgeschichte", dass sich die alpin-nivale Flora einerseits zusammensetzt aus:

- Arten der lokalen Glazialrefugien, heute überwiegend endemisch verbreitet (15 % der Sippen)
- typischen mittel- und südeuropäischen Hochgebirgsarten, etwa die meisten alpinen Süß- und Sauergräser (35 %)
- arkto-tertiären Arten wie Berardia lanuginosa: verschwindend geringer Anteil, zum größten Teil in den Eiszeiten ausgelöscht

Zur anderen Hälfte bestehe sie aus spät- und postglazialen Zuwanderern (aus Skandinavien, Nordasien und südlich vorgelagerten Tundren, den Gebirgen Zentralasiens sowie aus der mitteleuropäischen und mediterranen Fußstufe der Alpen) sowie der sippenreichen Gruppe der arktisch-alpinen Florenelemente, jene heute disjunkt verbreitete Kälteflora, die die kühlen Wanderungswege der eiszeitlichen Steppen- und Tundrenlandschaft Mitteleuropas nutzte, allerdings in vielen Fällen wohl in den Alpen entstanden war.

Mir ist nicht klar, wie die mittel- und südeuropäischen Hochgebirgsarten in diese Aufstellung hineinpassen. Spät- und nacheiszeitlich wieder zugewandert? Dann müssten sie ja zu den "Zuwanderern" gehören. Oder besiedelten sie die Alpen in den pleistozänen Warmzeiten regelmäßig, um in der nächsten Eiszeit wieder auszusterben?
"(...) gib ihnen noch zwei südlichere Tage (...)"

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Jürgen Baldinger
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Re: Verständnisfrage

Beitragvon Jürgen Baldinger » Sonntag 10. Juni 2018, 18:58

Prof. Fischer meint dazu, dass Ellenbergs Klassifizierung ihm auch nicht recht logisch vorkomme. Mit den "typischen mittel- und südeuropäischen Hochgebirgsarten" dürften zum Teil oder hauptsächlich jene gemeint sein, die in den Alpen entstanden sind. Ellenberg unterscheide bei dieser Gruppierung nicht zwischen einer Gliederung nach den aktuellen Arealen (Chorologie) und einer Gliederung nach der vermutlichen Entstehung (Paläogeographie). Letzteres beruhe sehr stark auf Hypothesen, wobei man heute über die Überdauerung in den Alpen dank der aktuell üblichen molekulargenetischen Forschungen etwas mehr weiß, so Prof. Fischer. Ellenberg sei primär Vegetationsökologe gewesen und habe sich mit Chorologie und Paläogeographie weniger auseinandergesetzt. Dennoch sei sein Lehrbuch über die Vegetation Mitteleuropas eines der besten Lehrbücher überhaupt.

"Glazialrelikt" beziehe sich auf die letzte Eiszeit und meine immer Arealverschiebungen, keine Art-evolutiven Prozesse, weil seither kaum neue Gebirgsarten entstanden seien, von Alchemillen (und den Arten in anthropogenen Lebensräumen niederer Lagen) vielleicht abgesehen. "Bei den in den Alpen entstandenen Arten denkt man hingegen an viel längerfristige Art-Evolutionsprozesse, und da nimmt man an, dass alle, die nicht auch in asiatischen Gebirgen vorkommen, bei uns entstanden sein müssen -- im Lauf des ganzen Pleistozäns und schon vorher", sagt Prof. Fischer. Andi Tribsch von der Uni Salzburg sei ein guter Ansprechpartner dafür.
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