Unterarten von Milium effusum

Beobachtungen, auch an trivialen Arten
Oliver Stöhr
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Unterarten von Milium effusum

Beitragvon Oliver Stöhr » Mittwoch 7. August 2019, 21:14

Liebes Forum!

In der Exkursionsflora werden beim Flattergras (Milium effusum) zwei Unterarten angeführt und zwar ssp. effusum und ssp. alpicolum. Die beiden Subspezies sollen sich morphologisch v.a. durch quantitative Merkmale wie Blattbreite, Rispenlänge, Rispenbreite, Ährchenanzahl und Ährchenlänge unterscheiden. Zudem soll die Rispenzweigstellung zur Achse unterschiedlich sein. Die ssp. effusum besiedelt lt. EFÖLS frische Edellaubwälder, aber auch Hochstaudenfluren und Grünerlengebüsche, und soll kollin bis subalpin verbreitet ein. Demgegenüber steht die ssp. alpicolum, die lt. EFÖLS obermontane bis subalpine Hochstaudenfluren und Grünerlengebüsche besiedeln soll.

Nun habe ich vor ein paar Tagen im Umbaltal in ebensolchen obermontanen bis subalpinen Hochstaudenfluren und Grünerlengebüschen überaus häufig Milium effusum festgestellt und wollte wissen, ob bei dieser Population eine klare Unterscheidung anhand des EFÖLS-Schlüssels möglich ist. Auf den ersten Blick habe ich im Gelände vermutet, es könnte sich um die ssp. alpicolum handeln, da die Rispen rel. schmal wirkten und bei einigen Pflanzen eine leichte Rotfärbung der Ährchen ausgebildet war, die lt. Schlüssel ebenfalls für diese Art sprechen. Also habe ich einige Pflanzen aufgesammelt und dann zu Hause weiter analysiert, wobei natürlich zu betonen ist, dass meine Aufsammlung und Erkenntnisse nur einen Stichprobencharakter haben.

Zunächst ein paar Habitusbilder aus dem Umbaltal:
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Die Analyse der EFÖLS-Merkmale liefert dann folgendes Bild:

Laubblattspreiten > 10 mm breit, was klar für die ssp. effusum spricht:
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Rispenbreiten im nicht-flachgedrückten Zustand bis rd. 5-6 cm, was eher für die ssp. alpicolum spricht;
Rispenbreiten im flachgedrückten Zustand bis rd. 7,5 cm, was eher für die ssp. effusum spricht:
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Rispenlänge ca. 22 cm, was klar für ssp. effusum spricht:
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Längster Rispenzweig aus der Rispenmitte 4,5 cm lang, was eher für ssp. effusum spricht:
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Längster Rispenzweig aus der Rispenmitte mit 18-19 Ährchen, was für ssp. alpicolum spricht (bei diesem Merkmal dürften in der EFÖLS übrigens zwei etwas unterschiedliche Angaben für die ssp. alpicolum angeführt sein!?)

Ährchenlänge 2,5 bis 3 mm, was für ssp. alpicolum spricht:
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Rispenzweige im zentralen und unteren Teil der Rispe abstehend bis etwas herabgeschlagen, nur an der Rispenspitze aufrecht abstehend (siehe obige Habitusbilder); dies spricht eher für ssp. effusum.

Fazit: Eine klare Zuordung der Umbaltal-Pflanzen zu einer der beiden Unterarten ist für mich nicht möglich. Vilelleicht liegt hier schon die ssp. alpicolum vor, aber wie gesagt treffen nicht alle Merkmale zu oder diese Sippe ist doch morphologisch plastischer, als in der EFÖLS angeführt (oder es handelt sich um kein "gutes" Taxon). Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass diese Unterart "nur" als "bestimmungskritische Sippe" geführt wird, während die ssp. effusum "taxonomisch kritisch" sein soll ...

Wie schaut es noch mit Literatur zu diesen Unterarten aus? Nach meinen raschen Recherchen gibt es nicht viel Verwertbares: Für die Schweiz habe ich folgende Internetseite gefunden: http://www.bio-schmidhol.ch/site/index. ... sprache=DE. Vergleicht man die dort als ssp. alpicolum geführten Pflanzen, so schauen diese den Pflanzen aus dem Umbaltal durchaus ähnlich.

In der österr. Literatur wird die ssp. alpicolum nahezu totgeschwiegen oder negiert, gefunden habe ich aber immerhin folgende Arbeit von H. Melzer: https://www.zobodat.at/pdf/LBB_0027_1_0235-0254.pdf. Darin steht unter anderem: "Wir kennen sie aber schon seit einigen Jahren aus der Steiermark, aus Salzburg und Osttirol, unterließen aber wegen Abgrenzungsschwierigkeiten gegenüber subsp. miliaceum (??) eine Veröffentlichung." Dann folgt aber : "In typischer Ausbildung ist jene Unterart durch die kurzen Rispenäste und die dadurch bedingte schmale Rispe sehr auffällig, sodaß man beim ersten Anblick garnicht an die Waldhirse denkt." Und weiter: "Die violette Farbe der Ährchen, die auch DÖRR 1994: 11, abgesehen vom Standort, als einziges Erkennungsmerkmal angibt, ist nur an Stellen ausgebildet, wo die Hochstaudenflur, in der M. e. subsp. alpicolum bevorzugt wächst, in voller Belichtung steht. Oft ist nur die besonnte Seite der Ährchen violett oder rotbraun, bei Beschattung bleiben die Ährchen zur Gänze grün, wobei die Rispenäste aber keineswegs schlaffer werden, was man vielleicht erwarten könnte." Zumindest diese Aussage kann ich auch für die Population im Umbaltal bestätigen.

Ergänzend dazu soll noch angemerkt werden, dass in der Polatschek-Flora von Tirol keine Angaben zur ssp. alpicolum aus Osttirol (gegensätzlich zur Aussage von Melzer) zu finden sind. In der inoff. Karte zur neuen Auflage der Roten Liste sind auch nur 11 Quadranten-Angaben für diese Sippe verzeichnet und zwar aus Vbg., N-T, Salzburg und der Stmk. Im Lichte der obigen Analyse ist aber fraglich, ob diese Angaben sich aber wirklich auf diese Unterart beziehen bzw. erscheint überhaupt fraglich, ob die ssp. alpicolum eine gute Sippe darstellt.

Nach diesem (über)langen Beitrag noch eine rasche Frage in Runde: Hat sich damit schon wer beschäftigt und welche Erkenntnisse habt ihr dazu gewonnen?

Viele Grüße
Oliver

Peter Pilsl
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Re: Unterarten von Milium effusum

Beitragvon Peter Pilsl » Donnerstag 8. August 2019, 08:05

Lieber Oliver,
ich hab mich vor einigen Jahren mal ein bisschen mit diesen zwei Unterarten beschäftigt und kann deine Beobachtungen bestätigen. Man kann in den Hochlagen tendentiell Pflanzen finden, die gegen die ssp. alpicolum gehen, doch die Merkmale der Exkursionsflora passen in den meisten Fällen nicht zu 100%.
Was mir bei der Durchsicht der Belegscans als mögliches Merkmal aufgefallen ist, ist die Länge des Rispenstieles bis zum ersten Ährchen. Diese ist bei der ssp. effusum immer auffällig lang im Vergleich zu den alpicolum-ähnlichen Pflanzen.

Anbei ein Beleg den ich als ssp. alpicolum abgelegt habe.
http://131.130.131.10/herbaria/jacq-vie ... lsl_017565
Peter Pilsl
SABOTAG


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