Potentilla pusilla

= Blütenpflanzen; Bestimmungsfragen
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Stefan Lefnaer
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Potentilla pusilla

Beitragvon Stefan Lefnaer » Sonntag 11. März 2018, 20:32

Liebe Leute,

von der Behaarung von Potentilla incana habe ich unlängst hier Bilder veröffentlicht. Heute ist die ähnliche Potentilla pusilla an der Reihe. Bei dieser Art sind die Laubblätter im Gegensatz zu Potentilla incana nur locker mit Büschelhaaren besetzt, die keinen dichten Haarfilz bilden:

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Laut österr. Exkursionsflora ist Art vielleicht hybridogen aus Potentilla incana und P. neumanniana entstanden. Prof. Gutermann teilte mir mit, dass es sich um ein apomiktisches Aggregat von genetisch fixierten und vielgestaltigen Kleinarten handelt. Also so ähnlich wie bei Rubus, nur dass hier noch niemand auf die Idee kam mehrere Arten zu beschreiben. Das Unterscheidungsmerkmal zwischen P. pusilla und P. neumanniana ist das Vorhandensein von Büschelhaaren mit einem langen Strahl in der Mitte und (oft sehr wenigen) viel kürzeren Strahlen am Grund bei ersterer. Bei manchen Individuen ist das sehr schön ausgebildet...

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...während man bei anderen Exemplaren nur vereinzelt Haare mit ein paar kurzen "Hörndln" am Grund findet:

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Laut österr. Exkursionsflora ist Potentilla pusilla zudem nicht von Primärhybriden zwischen P. incana und P. neumanniana zu unterscheiden. Laut W. Gutermann ist P. neumanniana jedoch eine große Rarität die man im Mühlviertel und Böhmen findet, nicht jedoch in und um Wien. So gesehen wären z.B. alle Angaben in der Wien-Flora Fehlbestimmungen und Primärhybriden hier nicht möglich. Ich fand aber selbst schon im Weinviertel Individuen (JACQ, JACQ) auf denen ich trotz langer Suche kein einziges Büschelhaar finden konnte. Vielleicht schwankt Potentilla pusilla zwischen den Elternarten merkmalsmäßig so stark und kann auch ganz ohne Büschelhaare auftreten? In Euro+Med wird P. neumanniana übrigens gar nur als Synonym von P. pusilla behandelt. Ich bin aber nicht sicher, ob das berechtigt ist.

Welche Erfahrungen haben dazu die anderen Forenteilnehmer gemacht? Hat jemand schon eine einwandfreie P. neumanniana gesehen? Gibt es außer den nicht vorhandenen Büschelhaaren noch weitere Unterscheidungsmerkmale zu P. pusilla?

Schöne Grüße
Stefan

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Stefan Lefnaer
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Re: Potentilla pusilla

Beitragvon Stefan Lefnaer » Freitag 13. April 2018, 21:44

Clemens Pachschwöll hat mich freundlicherweise auf diesen Artikel aufmerksam gemacht. Darin beschreibt der Autor Ch. Dobeš die Ergebnisse von Chromosomen-Messungen an Potentilla arenaria (=P. incana), P. neumanniana, P. pusilla und P. tommasiniana. Da letztere Art in Österreich nicht vorkommt, gehe ich nicht auf sie ein. P. incana wird als Sippe mit hauptsächlich sexueller Fortpflanzung beschrieben, die sich gemäß der im Text angegebenen Merkmalstabelle (Tab. 1) gut von den zwei anderen Arten unterscheiden lässt.

Der Autor unterscheidet zwar Untersuchungsbelege von P. neumanniana und P. pusilla, die in Tab. 1 angegebenen Unterschiede beziehen sich jedoch alle darauf, ob Büschelhaare vorhanden sind oder nicht, wobei P. neumanniana keine Büschelhaare aufweist und bei P. pusilla die Anzahl der Büschelhaare zwischen fast keinen bis vielen variieren kann. Die Chromosomenmessungen erbrachten keine aussagekräftige Differenzierung zwischen P. neumanniana und P. pusilla. Bei P. neumanniana wurde agamosperme Fortpflanzung nachgewiesen, bei P. pusilla ist sie wahrscheinlich. In seltenen Fällen kann es jedoch zu sexueller Fortpflanzung kommen, wodurch wieder neue, genetisch stabilisierte Populationen entstehen können (so wie man das z.B. auch bei Rubus kennt). Beide Sippen dürften erst vor relativ kurzer Zeit entstanden sein und sind sehr polymorph. In ihrem Verbreitungsarealen scheinen sie sich nicht voneinander abgrenzen zu lassen.

Wieso diese Vielfalt nur anhand von einem Merkmal, dem Vorhandensein oder Fehlen von Büschelhaaren, in zwei Arten geteilt wird, erscheint mir willkürlich. Genauso gut könnte man eine Vielzahl an Klein(st)arten mit unterschiedlicher Behaarung beschreiben oder aber P. neumanniana und P. pusilla gemeinsam als eine Art in ein Topf werfen. Dobeš betont selbst, dass die wahren Verwandtschaftsverhältnisse unklar sind und nur molekulargenetische Untersuchungen Licht ins Dunkel bringen könnten.


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