Sanicula epipactis am Siegelstein

= Blütenpflanzen
Benutzeravatar
Norbert Griebl
Beiträge: 978
Registriert: Donnerstag 20. Oktober 2016, 16:59

Sanicula epipactis am Siegelstein

Beitragvon Norbert Griebl » Sonntag 29. März 2026, 12:17

Liebes Forum,

gestern war ich auf der Suche nach Sanicula epipactis (Syn.: Hacquetia epipactis) und Waldsteinia ternata am Siegelstein.
Der Siegelstein bei Lavamünd in Kärnten birgt das nördlichste Vorkommen der Schaftdolde, Sanicula epipactis (Syn.: Hacquetia epipactis) in Kärnten und damit in Österreich.

Während Sanicula (Hacquetia) epipactis in Europa morphologisch deutlich von Sanicula europaea abweicht, zeigen ostasiatische Vertreter der Gattung Sanicula eine Reihe intermediärer Merkmale, so etwa Sanicula hacquetioides aus China. Diese Formen überbrücken die scheinbare morphologische Lücke und relativieren die Abgrenzung der beiden Gattungen.
Molekulare Untersuchungen bestätigen diese enge Verwandtschaft und führten zur Eingliederung von Hacquetia in Sanicula. So analysierten Calviño & Downie (2007) 91 Proben aus 14 Gattungen und 82 Arten der Apiaceae und konnten zeigen, dass Hacquetia epipactis innerhalb der Klade von Sanicula steht. Eine Aufrechterhaltung von Hacquetia als eigenständige Gattung würde somit Sanicula paraphyletisch machen. Die frühere Abtrennung von Hacquetia ist daher als Artefakt einer weitgehend europazentrierten Betrachtungsweise zu verstehen.

Der Siegelstein (auch Siedelstein) ist ein unscheinbarer, kaum über 400 m hoher Felsstock nordöstlich von Lavamünd. Er bildet den südlichen Vorposten eines kleinen Bergrückens, der dem Burgstallkogel vorgelagert ist und steil zur Lavant abfällt (Teppner 1974). Gemeinsam mit dem Burgstallkogel sowie den mächtigen Schotterterrassen der Drau im Süden markiert er den Rand des Ettendorfer Beckens. Geologisch wird dieses Gebiet von Wettersteindolomit aufgebaut (Beck-Mannagetta 1952).
Trotz seiner geringen Höhe birgt der Siegelstein eine bemerkenswerte erdgeschichtliche Besonderheit: Während der letzten Eiszeit war hier der Abfluss der Lavant durch Schotterterrassen und den Felsriegel des Siegelsteins blockiert. Dadurch entstand ein ausgedehnter Stausee, der sogenannte eiszeitliche Lavantsee. Dieser reichte bis in die St. Stefaner Mulde und mit einem Seitenarm sogar in das Granitztal und bestand noch bis in die nacheiszeitliche Zeit fort (Teppner 1974).
Heute wirkt der Siegelstein unscheinbar. Wer auf der Forststraße von Lavamünd unterwegs ist, nimmt den bewaldeten Hügel kaum wahr. Selbst auf Wanderkarten oder in Touren-Apps bleibt er meist namenlos. Botanisch jedoch ist dieser „vergessene“ Ort alles andere als unbedeutend.
Bereits 1913 wurde hier eines der wenigen österreichischen Vorkommen der Waldsteinie (Waldsteinia ternata) entdeckt. Zudem handelt es sich um den nördlichsten indigenen Fundort der Schaftdolde (Sanicula epipactis, syn. Hacquetia epipactis) in Kärnten. Der karbonatreiche Untergrund schafft kleinräumig besondere Standortbedingungen und ermöglicht das Vorkommen von Pflanzenarten, die in der unmittelbaren Umgebung fehlen.
Zu diesen zählt auch die Krainer Strauß-Glockenblume (Campanula thyrsoides subsp. carniolica). Ihr Lebensraum am Siegelstein ist geradezu winzig, ein kleines, isoliertes Biotop mit passenden mikroklimatischen und edaphischen Bedingungen. Entsprechend klein ist die Population. Umso bemerkenswerter ist es, dass sich diese Art hier offenbar seit Jahrtausenden behaupten konnte.
Der Siegelstein mag auf den ersten Blick unbedeutend erscheinen. Bei näherer Betrachtung entpuppt er sich jedoch als geologisch wie botanisch bemerkenswerter Kleinstandort - ein unscheinbarer Hügel mit überraschend großer Geschichte.

Quellen:
Beck-Mannagetta P. (1952): Zur Geologie und Paläontologie des Tertiärs des unteren Lavanttales. — Jb. geol. Bundesanst. 95: 1 —102.
Benz R. (1922): Die Vegetationsverhältnisse der Lavanttaler Alpen. - Abhandig, d. Zool. Bot. Ges. Wien 13/2.
Calviño & Downie (2007): Circumscription and phylogeny of Apiaceae subfamily Saniculoideae based on chloroplast DNA sequences - Molecular Phylogenetics and Evolution 44(1): 175–191.
Teppner H. (1974): Waldsteinia ternata (Rosaceae) und ihre Vorkommen in den südöstlichen Alpen PHY_16_1_4_0281-0299.pdf
XU C. & HONG D.-Y. (2021): Phylogenetic analyses confirm polyphyly of the genus Campanula (Campanulaceae s.str.), leading to a proposal for generic reappraisal. – J. Syst. Evol., doi 10.1111/jse.12586.
Dateianhänge
Hacquetia.epipactis.K-Lavamünd.Siegelstein.28.März.26. - Kopie.JPG
Lizenz: CC BY-NC-SA 4.0
Hacquetia.epipactis.K-Lavamünd.Siegelstein.28.März.26. - Kopie.JPG (1.01 MiB) 116 mal betrachtet
Siegelstein.bei.Lavamünd.28.März.26.JPG
Lizenz: CC BY-NC-SA 4.0
Siegelstein.bei.Lavamünd.28.März.26.JPG (540.01 KiB) 116 mal betrachtet
Campanula.thyrsoides.ssp.carniolica.K-Lavamünd.Siegelstein.28.März. 26 - Kopie.JPG
Lizenz: CC BY-NC-SA 4.0
Campanula.thyrsoides.ssp.carniolica.K-Lavamünd.Siegelstein.28.März. 26 - Kopie.JPG (664.65 KiB) 116 mal betrachtet
Gagea.pratensis.K-Lavamünd.Siegelstein .28.März.26 - Kopie.JPG
Lizenz: CC BY-NC-SA 4.0
Gagea.pratensis.K-Lavamünd.Siegelstein .28.März.26 - Kopie.JPG (679.34 KiB) 116 mal betrachtet
Anthoxanthum.australe.K-Lavamünd.Siegelstein.28.März.26 - Kopie.JPG
Lizenz: CC BY-NC-SA 4.0
Anthoxanthum.australe.K-Lavamünd.Siegelstein.28.März.26 - Kopie.JPG (1.28 MiB) 116 mal betrachtet
Je größer ein Mensch ist, desto mehr neigt er dazu, sich vor einer Blume niederzuknien

Benutzeravatar
Jonas
Beiträge: 742
Registriert: Mittwoch 11. Oktober 2017, 20:18
Wohnort: Zürich, Schweiz

Re: Sanicula epipactis am Siegelstein

Beitragvon Jonas » Dienstag 31. März 2026, 12:41

Was für ein interessanter Bericht, vielen Dank Norbert!
“There are wonders enough out there without our inventing any.” Carl Sagan

Scotiella
Beiträge: 174
Registriert: Dienstag 12. Februar 2019, 22:56

Re: Sanicula epipactis am Siegelstein

Beitragvon Scotiella » Dienstag 31. März 2026, 21:45

Norbert, vielen Dank, der Standort hat es in sich!
Deine Berichte haben generelll die Qualität einer "Minipublikation" mit der Berücksichtigung der Genetik, zitieren von Literatur oder der Erklärung der Geologie. Einfach richtige Schmankerl!

LG Daniel

Benutzeravatar
Norbert Griebl
Beiträge: 978
Registriert: Donnerstag 20. Oktober 2016, 16:59

Re: Sanicula epipactis am Siegelstein

Beitragvon Norbert Griebl » Mittwoch 1. April 2026, 08:54

Danke euch beiden :-)
Je größer ein Mensch ist, desto mehr neigt er dazu, sich vor einer Blume niederzuknien

Benutzeravatar
Josef
Beiträge: 310
Registriert: Montag 15. Juli 2019, 18:31
Wohnort: 3180 Lilienfeld, NÖ

Re: Sanicula epipactis am Siegelstein

Beitragvon Josef » Mittwoch 1. April 2026, 20:41

Hallo Norbert!

Der nördlichste Standort von Sanicula (Haquetia) epipactis in Österreich dürfte nicht der Siegelstein, sondern der Stiftspark von Lilienfeld /NÖ sein!
Gerd 4126 hat in Phänologie 2025 am 6.4.2025 ein Bild aus Lilienfeld gepostet. Da ich als Lilienfelder noch nie davon gehört hatte, hab ich nachgefragt und nach seiner Beschreibung den Standort auch gefunden. Heute war ich wieder dort und fand zahlreiche Pflanzen in Blüte, auf einer Fläche von etwa 20 m² verteilt. Sonst konnte ich im Stiftspark keine weiteren Exemplare finden.
Vermutlich wurde die Haquetia hier angesetzt; der Park wurde ab 1825 unter dem Abt Ambros Becicka angelegt, mit exotischen Bäumen und Pflanzen aus aller Welt. Die späteren Äbte hatten weniger Interesse an der Botanik, da wurde kaum mehr etwas gesetzt. Man kann also annehmen, dass die Pflanzen schon seit fast 200 Jahren ausdauern und sich ausgebreitet haben!

LG Josef


Zurück zu „Spermatophyta (Samenpflanzen)“

Wer ist online?

Mitglieder in diesem Forum: 0 Mitglieder und 7 Gäste