Liebes Forum,
weil gerade die Steirische Kuhschelle blüht und ich sie gestern am Pfaffenkogel suchen war ein paar Bemerkungen zu der Art:
Die Steirische Kuhschelle (Pulsatilla styriaca) galt lange Zeit als Endemit der Steiermark. Erst gegen Ende des 20. Jahrhunderts wurden im Balkangebirge (Sredna Gora) kleine Populationen von Kuhschellen entdeckt, die mit P. styriaca übereinstimmen sollen. In einer neueren Arbeit stellen Tashev et al. (2015) zudem die bislang als slowakischer Endemit betrachtete Pulsatilla subslavica zu P. styriaca. Daraus ergibt sich ein deutlich erweitertes, disjunktes Verbreitungsareal, das von der Slowakei über die Steiermark bis nach Bulgarien reicht.
Innerhalb der Steiermark konzentrieren sich die Vorkommen auf das mittlere Murtal und seine Seitentäler, das Grazer Bergland sowie die Eisenerzer Alpen, mit einer westlichen Grenze etwa am Schoberpass und einer östlichen Ausdehnung bis zur Südabdachung des Hochschwabs (Essl 2009). Ein angesalbtes Vorkommen ist zudem aus Neuberg an der Mürz im oberen Mürztal bekannt (Essl 2009). Die Art tritt in Höhenlagen von etwa 380 m bis mindestens 1.500 m auf, vereinzelt werden sogar Vorkommen bis rund 1.650 m Seehöhe genannt (Widder 1934).
Ökologisch ist Pulsatilla styriaca eine charakteristische Art primärer Trockenstandorte steiler, felsiger Hänge. Sie besiedelt vor allem xerotherme Felsrasen und -bänder, Felstrockenrasen sowie lichte Rotföhrenwälder auf Kalk, seltener auch auf Dolomit (Maurer 1996, Grassauer 2003). Der klassische Fundort (Locus classicus) ist Peggau im Grazer Bergland.
Systematisch gehört P. styriaca in die Verwandtschaft von P. halleri (Westalpen) und P. slavica (Karpaten). Von einigen Autoren wird sie als Unterart von P. halleri aufgefasst (z. B. Damboldt & Zimmermann in Damboldt 1974; Aeschimann et al. 2004; POWO 2026). Morphologisch zeigt sie Übergänge zu P. grandis, entsprechend werden aus dem pannonischen Raum mehrfach intermediäre Populationen beschrieben (etwa von der Hohen Wand in Niederösterreich; Widder 1934, Damboldt & Zimmermann 1974). Sehr selten treten auch Hybriden mit P. pratensis subsp. nigricans auf (Widder 1934).
Historisch wurde die Art erstmals 1834 gesammelt, von Pritzel (1841) als Varietät beschrieben und schließlich von Hayek (1902) als eigenständige Art etabliert (Widder 1934). Ehrendorfer (1970) geht davon aus, dass der gesamte Formenkreis um P. halleri, einschließlich P. styriaca, allotetraploiden Ursprungs ist. An seiner hybridogenen Entstehung dürfte die heute vor allem in den Steppen und Waldsteppen Südsibiriens verbreitete Verwandtschaft von P. patens beteiligt gewesen sein. Diese Herkunft könnte auch die Bindung der Arten dieser Gruppe an klimatisch kontinentale Gebirgsräume erklären (Niklfeld 1973).
Morphologisch unterscheidet sich P. styriaca von den äußerlich ähnlichen, jedoch nicht näher verwandten Arten P. vulgaris und P. grandis insbesondere durch die Laubblattgestalt: Die Blätter sind weniger stark gefiedert und weisen lediglich 7–20 vergleichsweise breite Blattabschnitte auf (Essl 2009).
Quellen:
Aeschimann, P.; Lauber, K.; Moser, D.M. & Theurillat, J.P. (2004): Flora Al pina. Bd. 1–3. Haupt Verlag, Bern, 1157 pp. + 1.188 pp. + 332 pp.
Damboldt, J. (Hrsg.) (1974): Illustrierte Flora von Mitteleuropa, Bd. III/3, Lfg. 2–5. 2. Aufl., Hanser, München.
Fritsch K. (1929): Siebenter Beitrag zur Flora von Steiermark 29-78 MittNatVerSt_64_65_0029-0078.pdf
Ebner F. (2013): Bericht über geologische Aufnahmen JbGeolReichsanst_153_0398-0399.pdf
Ehrendorfer F. (1970): Mediterran-mitteleuropäische Florenbeziehungen im Lichte cytotaxonomischer Befunde. Fedder Repert. 81: 3–32.
Essl in: Essl & Rabitsch (Hrsg. 2009): Endemiten Österreich. Kostbarkeiten in Österreichs Pflanzen- und Tierwelt. Naturwissenschaftlicher Verein für Kärnten, Klagenfurt und Umweltbundesamt, Wien. CAR-SH_Endemiten_0063-0267.pdf
Fritsch K. (1929a): Achter Beitrag zur Flora von Steiermark 72-103 MittNatVerSt_66_0072-0103.pdf
Hayek A. (1902): Beiträge zur Flora von Steiermark. Öst. Bot. Zeitschr. 52: 408–489.
Kepka O. & R. Schuster (1962): Allgemeine faunistische Nachrichten aus Steiermark (IX) MittNatVerSt_92_0039-0040.pdf
Kreissl E. (1975): Faunistische Nachrichten aus der Steiermark (XX/3) : Nachweise von Cylindronotus dermestoides (Illiger) (Ins., Coleoptera, Tenebrionidae) MittNatVerSt_105_0311-0312.pdf
Melzer H. (1973): Neues zur Flora von Steiermark, XVI MittNatVerSt_104_0143-0158.pdf
Niklfeld, H. (1973): Kartenblätter 21/22: Areale charakteristischer Gefäß pflanzen der Steiermark (I, II). Erläuterungen zum Atlas der Steiermark. Akademische Druck- und Verlagsanstalt, Graz, pp. 134–157.
POWO (2026): Kew science – Plants of the World Online - Plants of the World Online | Kew Science
Pritzel G. (1841): Anemonarum revisio. Linnaea 15: 561–698.
Tashev A. (2013): Pulsatilla styriaca (Pritzel) Simonk (Ranunculaceae) a new species for Bulgarian flora. Bulgarian Journal of Agricultural Science. Vol. 19, 2. pp. 347-352.
Tashev A., R. Höllriegel & M. A. Fischer (2015): Pulsatilla styriaca (Ranunculaceae) is a new species for the Bulgarian flora, and conspecific with P. subslavic NEIL_7_0119-0155.pdf
Widder F. (1934): Zur Kenntnis der Anemone styriaca und ihres Bastardes mit Anemone nigricans. Feddes Repert. 35: 49–96.
Wöhl E. (1981): Ein beachtliches Brutvorkommen der Zippammer, Emberiza cia L., am Pfaffenkogel bei Kleinstübing in der Steiermark - Mitteilungen der Abteilung für Zoologie am Landesmuseum Joanneum, 10, S. 81–89.
Pulsatilla styriaca
- Norbert Griebl
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Pulsatilla styriaca
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Je größer ein Mensch ist, desto mehr neigt er dazu, sich vor einer Blume niederzuknien
Re: Pulsatilla styriaca
Wieder einmmal vielen Dank für diese schöne "Geschichte"!
LG Daniel
LG Daniel
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