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Utricularia-Bestimmungshilfe (U. vulgaris, australis, etc)

Verfasst: Sonntag 4. August 2019, 21:40
von Hermann Falkner
Liebes Forum,

nachdem mir klar geworden ist, dass ich mir bei Utricularia vulgaris & australis eigentlich recht schwer tue (siehe hier ;-), hab ich mich heute auf die Suche gemacht und tatsächlich in der Lobau, im Grossenzersdorfer Arm, eine Population gefunden, die doch ziemlich sicher Utricularia vulgaris sein sollte: insbes. gibt es einige fruchtende Individuen, und auch die Blütenmerkmale passen so einigermassen.
Ein Beispiel für Utricularia australis habe ich im oben verlinkten Beitrag gepostet, hier das Bild eingebettet (Untere Lobau, Donau-Oder-Kanal, 28.06.2011; ich habe bei der dortigen Population später nochmals geprüft, ob Früchte entwickelt worden sind - die Population war anscheinend steril, also passend zum Schlüsselmerkmal):
Bild

Grundsätzlich tu ich mir aber mit den Schlüsselmerkmalen schon ziemlich schwer; oft habe ich den Eindruck, dass Populationen nicht oder nur spärlich fruchten, die eher wie vulgaris ausschauen (australis sollte regelmässig steril sein), und das australis-Merkmal der ausgebreiteten Kron-Unterlippe ist auch nicht immer so schön zu erkennen wie hier.

In der Lobau sind diese Utricularia-Arten in fast jedem geeigneten Gewässer vorhanden (dh stille Gewässer, oder sehr langsam fliessende), teils auch in grösseren Populationen, da diese nicht wurzeln, werden sie aber oft von Strömung oder Wind in bestimmte Winkel vertragen und bilden daher keine flächendeckenden Bestände.
Viele Bestände erreicht man am besten schwimmend - und schwimmend sind sie dann auch am schwersten zu bestimmen.

Ich lade alle ein, ihre Erfahrungen mit Utricularia hier zu posten, bzw. bin ich für sachdienliche Hinweise dankbar, wie ich die Arten selbst dann halbwegs sicher unterscheiden kann, wenn ich mit beiden Händen Brustschwimmtempo mache und keinen festen Boden unter den Füssen habe ;-)

Übrigens, auch die andren, selteneren Utricularia-Arten sind hier natürlich willkommen ;-)

Re: Utricularia-Bestimmungshilfe (U. vulgaris, australis, etc)

Verfasst: Montag 5. August 2019, 19:48
von Hermann Falkner
Nach einer Tour durch die Obere Lobau (von der Einmündung des Mühlwassers in das Tischwasser über Dechantlacke und Naufahrt und das Schillerwasser hinauf, am Mühlwasser zurück) habe ich zu meiner eigenen Überraschung mehr Bestimmungssicherheit über U. vulgaris & australis gewonnen, als ich erhofft habe ;-) - das heisst, wenn man sich auf das Kronblatt-Merkmal wirklich verlassen kann.

Funde von "umgestülpten" Kron-Unterlippen von U. vulgaris sind fast immer auch mit Funden von jungen Früchten in derselben Population einhergegangen; bei den +/- "flachen" Unterlippen von U. australis dagegen habe ich nirgends Früchte gesehen (und die müssten von der Entwicklung her sonst +/- gleich weit sein): sprich auch das Schlüsselmerkmal Fruchbarkeit korreliert gut mit der Lippenform.

Insofern ich jetzt gesehen habe, dass die Schlüsselmerkmale sehr wohl (und sehr gut!) zu dem passen, was man in der Natur vorfindet, glaube ich, bei diesen beiden jetzt keine Probleme mehr zu haben.

Beide Arten kommen in sehr grosser Zahl vor!
Die Populationen von der Mühlwasser/Tischwasser-Mündung bis zum Tischwasser waren alle klar U. vulgaris (dh ich habe nach "Population" bestimmt, wäre ja fast unmöglich, alle Individuen zu untersuchen). In der Dechantlacke hab ich diesmal keine gefunden - Utricularia kommt dort vor, wird aber durch den starken Badebetrieb beeinträchtigt und ich hab nur an einer Stelle geschaut. In der Naufahrt, gleich ausserhalb der Nationalparkgrenze (und stromaufwärts vom Tischwasser) war dann auf einmal alles U. australis, ebenso im Schillerwasser - in dem es richtige Massenpopulationen gibt! Im Grossen Schillloch bin ich nicht nah genug an die Utricularia herangekommen, ich vermute U. vulgaris; im Kleinen Schillloch war es definitiv U. vulgaris.

Am Rückweg - das Mühlwasser entlang - habe ich kurioserweise überhaupt keine Utricularia gefunden! Ich hab zwar auch weniger oft zum Ufer geschaut als beim Hinweg, der sehr emsige Badebetrieb am Mühlwasser dürfte hier aber wohl auch eine Rolle spielen.

Bilder von den Standorten anbei!

Re: Utricularia-Bestimmungshilfe (U. vulgaris, australis, etc)

Verfasst: Montag 5. August 2019, 20:14
von Norbert Sauberer
Tolle Fotos Hermann! Sonst kann ich leider nichts beitragen, da ich beide Arten bisher erst ein- oder zweimal blühend gesehen habe.

Re: Utricularia-Bestimmungshilfe (U. vulgaris, australis, etc)

Verfasst: Montag 5. August 2019, 20:26
von Oliver Stöhr
Liebe alle,

danke an Herrmann für diese Zusammenstellung! Die Bestimmungsansprachen halte ich für richtig.

Empfehle für weiterführende Informationen die Zusammenstellung von Fleischmann & Schlauer (2014) in den BBBG: https://www.bbgev.de/berichte/084_2014/065_090.pdf

Dort ist zu lesen:
"Im nicht-blühenden Zustand sind U. vulgaris und U. australis morphologisch nicht sicher zutrennen. Rein vegetative Unterscheidungsmerkmale, wie das Vorhandensein oder Fehlen von kleinen Fangblasen am ersten Blattsegment, die Größe der Pflanze und die Anzahl der Fangblasen pro Blatt, die Struktur der Fallenhaare (THOR1988), oder die Ausprägung des Blattrandes (TAYLOR1989) haben sich als nicht beständig genug und daher als taxonomisch unzureichend erwiesen. Blühende oder fruchtende Exemplar sind jedoch stets sicher anzusprechen, und auch molekularbiologisch lassen sich beide Arten gut unterscheiden. Die Unterlippe der Blütenkronebildet bei U. vulgaris, von der Seite betrachtet, stets einen spitzen Winkel mit der Oberlippe (Abb. 13b), während diese bei U. australis einen rechten bis stumpfen Winkel bildet (Abb. 13a). Die Unterlippe selbst ist bei U. vulgaris gleichmäßig bogenförmig nach unten gebogen (Abb.13d), während sie bei U. australis flach ausgebreitet ist (Abb. 13c). Bei gepressten Herbar-exemplaren sind diese Merkmale natürlich nicht gut zu erkennen, hier dient die Länge des Blütenstiels (2-3 mal so lang wie das Tragblatt bei U. vulgaris (Abb. 13b), 3-5 mal so lang wie das Tragblatt bei U. australis (Abb. 13a)), die Länge und Form des Fruchtstiels, das Vorhandensein von Samenkaspeln, sowie die Verteilung der Nektarien im Sporn (nur auf der abaxialen Seite bei U. vulgaris, auf beiden Seiten bei U. australis– dazu den Sporn von der Seite im Durchlicht mit einer Lupe betrachten) als sichere Unterscheidungsmerkmale."

LG
Oliver

Re: Utricularia-Bestimmungshilfe (U. vulgaris, australis, etc)

Verfasst: Montag 5. August 2019, 21:04
von Hermann Falkner
Danke, Oliver! - besonders auch für den Link ;-)

Re: Utricularia-Bestimmungshilfe (U. vulgaris, australis, etc)

Verfasst: Dienstag 6. August 2019, 08:16
von Hermann Falkner
Ich hab jetzt auch noch in der Wien-Flora nachgeschaut: dort wird U. australis nur angesalbt im Pappelteich, Kalksburg, angeführt; das stimmt also sicher nicht.
U. vulgaris wird nur für die Lobau angeführt (incl. Bereich ausserhalb des Nationalparks): auch das stimmt sicher nicht, ich selbst kenne Utricularia auch vom Toten Grund (Donauinsel, wohl schon eher heimisch, weil es die Lacke auch schon im Inundationsgebiet gegeben hat - ein alter Arm der unregulierten Donau) und vom Prater.

Re: Utricularia-Bestimmungshilfe (U. vulgaris, australis, etc)

Verfasst: Dienstag 6. August 2019, 18:42
von Hermann Falkner
Ich war etwas voreilig mit dem Toten Grund - war heute dort, offenbar hab ich das falsch im Gedächtnis gehabt, sorry: am Toten Grund gibt's tatsächlich keine (!) Utricularia - jedenfalls nicht, soweit ich feststellen habe können.

Im Prater war ich heute auch, und hier hab ich mich nicht getäuscht - im Naturdenkmal Mauthnerwasser (im Stadtplan von Wien im Westen als Lusthauswasser bezeichnet, das Naturdenkmal ist aber als Mauthnerwasser angeschrieben, auch gleich hinter dem Lusthaus): und zwar sowohl im östlichen Teil ("Lusthauswasser") als auch im westlichen - und zwar jeweils Utricularia vulgaris.
Es gibt auch Abschnitte ohne Utricularia, insgesamt ist es aber eine ziemlich grosse Population; das Mauthnerwasser verschilft allerdings schon sehr stark und wo das dichte Schilfufer vom Weg zugänglich ist, gibt's keine - das Vorkommen ist also wohl schon potentiell bedroht (durch Verschilfung).
Wenn ich schon dort war, hab ich mir auch das Krebsenwasser angesehen - keine Utricularia - liegt vielleicht auch daran, dass diese Lacke im Winter u. U. ganz austrocknen kann, oder weil's einfach zu klein ist, hier gibt's nur mehr eine relativ kleine Wasserfläche. Im Heustadelwasser hab ich auch keine Utricularia gesehen, das hab ich aber auch erwartet bzw. nur am untersten Ende hab ich gehofft, vielleicht fündig zu werden, da war aber auch nichts.