Sanicula epipactis am Siegelstein

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Norbert Griebl
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Sanicula epipactis am Siegelstein

Beitragvon Norbert Griebl » Sonntag 29. März 2026, 12:17

Liebes Forum,

gestern war ich auf der Suche nach Sanicula epipactis (Syn.: Hacquetia epipactis) und Waldsteinia ternata am Siegelstein.
Der Siegelstein bei Lavamünd in Kärnten birgt das nördlichste Vorkommen der Schaftdolde, Sanicula epipactis (Syn.: Hacquetia epipactis) in Kärnten und damit in Österreich.

Während Sanicula (Hacquetia) epipactis in Europa morphologisch deutlich von Sanicula europaea abweicht, zeigen ostasiatische Vertreter der Gattung Sanicula eine Reihe intermediärer Merkmale, so etwa Sanicula hacquetioides aus China. Diese Formen überbrücken die scheinbare morphologische Lücke und relativieren die Abgrenzung der beiden Gattungen.
Molekulare Untersuchungen bestätigen diese enge Verwandtschaft und führten zur Eingliederung von Hacquetia in Sanicula. So analysierten Calviño & Downie (2007) 91 Proben aus 14 Gattungen und 82 Arten der Apiaceae und konnten zeigen, dass Hacquetia epipactis innerhalb der Klade von Sanicula steht. Eine Aufrechterhaltung von Hacquetia als eigenständige Gattung würde somit Sanicula paraphyletisch machen. Die frühere Abtrennung von Hacquetia ist daher als Artefakt einer weitgehend europazentrierten Betrachtungsweise zu verstehen.

Der Siegelstein (auch Siedelstein) ist ein unscheinbarer, kaum über 400 m hoher Felsstock nordöstlich von Lavamünd. Er bildet den südlichen Vorposten eines kleinen Bergrückens, der dem Burgstallkogel vorgelagert ist und steil zur Lavant abfällt (Teppner 1974). Gemeinsam mit dem Burgstallkogel sowie den mächtigen Schotterterrassen der Drau im Süden markiert er den Rand des Ettendorfer Beckens. Geologisch wird dieses Gebiet von Wettersteindolomit aufgebaut (Beck-Mannagetta 1952).
Trotz seiner geringen Höhe birgt der Siegelstein eine bemerkenswerte erdgeschichtliche Besonderheit: Während der letzten Eiszeit war hier der Abfluss der Lavant durch Schotterterrassen und den Felsriegel des Siegelsteins blockiert. Dadurch entstand ein ausgedehnter Stausee, der sogenannte eiszeitliche Lavantsee. Dieser reichte bis in die St. Stefaner Mulde und mit einem Seitenarm sogar in das Granitztal und bestand noch bis in die nacheiszeitliche Zeit fort (Teppner 1974).
Heute wirkt der Siegelstein unscheinbar. Wer auf der Forststraße von Lavamünd unterwegs ist, nimmt den bewaldeten Hügel kaum wahr. Selbst auf Wanderkarten oder in Touren-Apps bleibt er meist namenlos. Botanisch jedoch ist dieser „vergessene“ Ort alles andere als unbedeutend.
Bereits 1913 wurde hier eines der wenigen österreichischen Vorkommen der Waldsteinie (Waldsteinia ternata) entdeckt. Zudem handelt es sich um den nördlichsten indigenen Fundort der Schaftdolde (Sanicula epipactis, syn. Hacquetia epipactis) in Kärnten. Der karbonatreiche Untergrund schafft kleinräumig besondere Standortbedingungen und ermöglicht das Vorkommen von Pflanzenarten, die in der unmittelbaren Umgebung fehlen.
Zu diesen zählt auch die Krainer Strauß-Glockenblume (Campanula thyrsoides subsp. carniolica). Ihr Lebensraum am Siegelstein ist geradezu winzig, ein kleines, isoliertes Biotop mit passenden mikroklimatischen und edaphischen Bedingungen. Entsprechend klein ist die Population. Umso bemerkenswerter ist es, dass sich diese Art hier offenbar seit Jahrtausenden behaupten konnte.
Der Siegelstein mag auf den ersten Blick unbedeutend erscheinen. Bei näherer Betrachtung entpuppt er sich jedoch als geologisch wie botanisch bemerkenswerter Kleinstandort - ein unscheinbarer Hügel mit überraschend großer Geschichte.

Quellen:
Beck-Mannagetta P. (1952): Zur Geologie und Paläontologie des Tertiärs des unteren Lavanttales. — Jb. geol. Bundesanst. 95: 1 —102.
Benz R. (1922): Die Vegetationsverhältnisse der Lavanttaler Alpen. - Abhandig, d. Zool. Bot. Ges. Wien 13/2.
Calviño & Downie (2007): Circumscription and phylogeny of Apiaceae subfamily Saniculoideae based on chloroplast DNA sequences - Molecular Phylogenetics and Evolution 44(1): 175–191.
Teppner H. (1974): Waldsteinia ternata (Rosaceae) und ihre Vorkommen in den südöstlichen Alpen PHY_16_1_4_0281-0299.pdf
XU C. & HONG D.-Y. (2021): Phylogenetic analyses confirm polyphyly of the genus Campanula (Campanulaceae s.str.), leading to a proposal for generic reappraisal. – J. Syst. Evol., doi 10.1111/jse.12586.
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