Liebe alle,
damit wieder einmal ein Beitrag aus dem "Westen" gespostet wird (der allerdings gesamtösterreichische Relevanz haben dürfte), nachfolgend ein Diskussiontext zur vermeintlich simplen Artengruppe um Ribes rubrum. Diese besteht in Österreich laut EFÖLS 2008 nur aus Ribes rubrum und R. spicatum. Neben der doch eindeutig erkennbaren Ribes nigrum handelt es sich um die am häufigsten verwildert anzutreffenden Arten der Gattung bei uns. Nicht selten findet man solche Ribes-Sträucher (vegetativ wie auch generativ) v.a. in feuchten Wäldern und Gebüschen, nicht selten sogar eingebürgert.
Auch die Unterscheidungsmerkmale laut EFÖLS 2008 zwischen R. rubrum und R. spicatum sind noch eindeutig:
R. spicatum hat einen schüsselförmigen Achsenbecher, keinen Ringwulst in dessen Innenseite (in Griffelbasisnähe), zusammenstoßende Antherenhälften, kräuselhaarige Traubenachsen, am Grund der Blattstiele sitzende Drüsen sowie (nicht in EFÖLS angeführt) einen weiten Sinus am Blattgrund.
R. rubrum hat im Gegensatz dazu einen flachen Achsenbecher, einen Ringwulst, nicht zusammenstoßende Antherenhälften, kahle Traubenachsen, kahle Laubblattstielgründe, sowie einen spitzen Sinus am Blattgrund.
Nach diesen Merkmalen sollte meine Aufsammlung, die ich am Sonntag im Osttiroler Pustertal bei Anras in einem Feuchtwald getätigt habe, Ribes spicatum sein. Siehe dazu die Bilder mit entsprechender Beschriftung unten.
Dies würde im gesamtösterreichischen Kontext nach bisheriger Tradition an sich gut passen, da diese Art auch schon von V, T (inkl. OT), S, O, N, W (Ostösterreicher verzeihen mir die umgekehrte Anordnung der Bundesländer ;-)) angegeben wurde. Siehe z.B. unsere frühere Publikation unter http://www.zobodat.at/pdf/NEIL_4_0139-0190.pdf oder Angaben von A. Polatschek unter http://www.zobodat.at/pdf/VZBG_118-119_0088-0096.pdf. Auch im benachbarten Bayern tritt sie an den oben erwähnten Standorten verwildert auf (z.B. http://www.zobodat.at/pdf/Berichte-Baye ... 0-0154.pdf).
Aufgrund unserer Funde und der angetroffenen Merkmale sind wir bislang - und in Einklang mit EFÖLS - davon ausgegangen, dass die Mehrzahl verwilderter Pflanzen jedenfalls nicht zu Ribes rubrum s.str. sondern zu R. spicatum bzw. dessen "Dunstkreis" (s.u.) zu stellen ist. Die Angabe in der EFÖLS, wonach R. spicatum "sehr selten" sein soll, kann aber nicht nachvollzogen werden; "zerstreut" würde wohl besser den Tatsachen entsprechen. Dies allerdings mit folgendem Vorbehalt: Denn es gibt ja auch noch eine Hybride der beiden Arten, die die ganze Sache etwas verkompliziert.
Die als Obststrauch kultivierten Sorten der Rot-Ribisel sollen nach EFÖLS nämlich dieser Hybride entsprechen. Leider gibt es keine Hinweise in der EFÖLS, wie dieser Bastard ausschauen soll - anzunehmen wäre, dass er +- intermediär zwischen den Eltern steht. Die Angaben, was genau bei uns wie häufig kultiviert wird, differieren auch im Internet bzw. in der Literatur. Einige (insbes. deutsche) Quellen meinen, dass R. spicatum in Reinform kaum kultiviert wird, während EFÖLS auch bei dieser Art schreibt: "kult. und verwld."
Heinrich Weber, der bekannte Rubus-Forscher, hat sich früher einmal mit dieser Artengruppe auseinandergesetzt und zwei Beiträge dazu in der Floristischen Rundbriefen verfasst (leider gibt es im Netz dazu keine downloadbare pdf). Darin wird u.a. für im Herbarium W liegende Ribes-spicatum-Belege aus T und V ein Hybridverdacht nahegelegt, da die Pflanzen Merkmale beider Eltern aufweisen.
Und dann wären auch noch Status-Fragen, auf die ich jetzt nicht mehr näher eingehen möchte, aber auch spannend sind, wenn z.B. im BIB für Bayern der Status von R. spicatum sogar als "indigen" angegeben wird ...
Zusammenfassend ergeben sich für mich folgende Fragen:
- Welche Rot-Ribiseln s.l. werden bei uns wirklich am meisten kultiviert?
- Wie schaut die Hybride morphologisch aus, woran ist sie (eindeutig) erkennbar?
- Sind die bisherigen österr. Angaben zu R. spicatum artrein oder eher Hybriden dieser Art mit R. rubrum?
- Und nicht zuletzt: Wie sind eure Erfahrungen mit dieser Gruppe?
Soweit fürs Erste und für heute ...
Viele Grüße aus Osttirol
Oliver
Ribes rubrum agg.
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Oliver Stöhr
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- "Ribes spicatum" - blühender Trieb
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- "Ribes spicatum" - behaarte Traubenachse und schüsselförmige Achsenbecher
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- "Ribes spicatum" - aneinanderstoßende Antherenhälften
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Re: Ribes rubrum agg.
Ergänzung: Unter dem folgenden Link werden die Unterscheidungsmerkmale zwischen R. rubrum und R. spicatum anhand guter Fotos dargestellt:
http://cumbriabotany.co.uk/index.php/lo ... -currants/
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