Ranunculus polyanthemophyllus in Dölsach (Osttirol)

= Blütenpflanzen
Christian Gilli
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Re: Ranunculus polyanthemophyllus in Dölsach (Osttirol)

Beitragvon Christian Gilli » Montag 25. Mai 2020, 21:20

Ich darf hier eine mail von Walter Gutermann [keine leichte Kost ;) ] einstellen die zumindest für mich wieder mal erleuchtend war:

"Lieber Christian,

dass dir die Sippe schleierhaft ist kann ich (in Hinblick auf deinen geofloristischen Erfahrungshorizont - das ist nicht negativ gemeint) nachvollziehen (bezüglich deines gesunden Urteils über die Karte siehe weiter unten); die verkürzten/enden Kompilationen der Floren sind natürlich auch nicht hilfreich oder/und führen zu Komplikationen.

R. polyanthophyllus ist eine heliophile Art wechselfeuchter Wiesen bis Halbtrockenrasen, v. a. im südwestlichen, teilweise submediterranen Mitteleuropa und außerhalb des polyanthemos-Areals; sie spielen dort den counterpart zum nemorosus/tuberosus, dieser "allgegenwärtig" an mesophilen Halbschattstandorten. Ebendort, im feucht(bis nass)en, betont montanen Schattbereich: serpens, der abgesehen von Hybriden mit nem im ökol. Grenzbereich, durch Blattform & Stgl-bewurzelung eher problemloses Brüderchen zu nem ist. Zu dem phyllus sind die Vorarlberger (!! - ich hab's damals z. B. in den Rheinwiesen zum Bodensee schön vorweisen können) und wohl auch die (meisten) Tiroler Funde zuzuordnen; auch die Kärntner sind wohl richtig (! vom Süden her; phyllus ist auf der Alpensüdseite nicht selten). Die übrigen Punkte auf der AK sind mir nahezu alle zweifelhaft, denn: ... ... so wie der phyllus stärker zerteilte Blattspreiten mit nem-Nüsschen verbindet ...

... so zeigt R. polyanthemoides vergleichbares Blattwerk (dies aber deutlicher nem-artig) mit typischen mos-Nüsschen, +/- konstant so zumindest im W (Frankreich: von hier beschrieben, und im Rheingebiet), beides wieder klimatisch wärmebegünstigte außerhalb des natürlichen mos-Areals.

Sobald man sich diesem nähert bzw. in Gebiete kommt, wo nem und mos sich überschneiden, wird es brenzlich: da muss man sehr genau den Blattzyklus (Rosette!) beachten (Erstlinge weniger geteilt, Endlinge entsprechend extrem) und schauen, wer da in der Gegend wächst: Hybride und Hybridogene (moides ist wohl ursprünglich ein solcher) schauen bezüglich der Beblätterung einmal so oder so aus, d. h. dass mit einer "zufälligen" Blattform bestimmungsgemäß so ziemlich alles herauskommen kann, eben auch sog. "phyllus" - aber bei diesen (?sekundären) "moides", v. a. bei unmittelbaren Kontakten nem/mos sind die Nüsschenformen variabel, also oft nem-artig und nur zum Teil mos-artig, wie auch der Blattzyklus in den Population entprechend variiert. Übrigens: auch bei den Nüsschen ist der zeitliche "Gestaltwandel" zu beachten! (Einzelpflanzen sind also m. E. nicht rational zuordenbar.)

[A-propos Blattindex: ist zur Unterscheidung hilfreich, müsste aber doppelt sophisticated sein: "einfacher" Teilungsindex ist zu wenig, und die Vergleichsblätter müssten morphologisch gleichwertig sein: Zyklus]

Mir ist im Osten noch keine eindeutige und konstante, ausgedehnte phyllus-Population untergekommen. Viele wenn nicht alle Angaben sind wohl solche (ältere oder jüngere) Hybrid(ogen)-Pflanzen, die morphologisch eher zu diesen "östlichen" moides-Ranunkeln gezählt werden sollten. (Ein weiterer Unsicherheitsfaktor: Grassaatenmischungen, die womöglich auf französischen Import zurückgehen.)

[Zu den oT-Pflanzen von Oliver Stöhr: wenn auch die reifen Nüsschen - einheitlich - lange und eingerollte Schnäbel behalten, ist überhaupt nichts gegen phyllus zu sagen. -- Was am Inn vorkommt, weiß ich nicht.]

Objektiv betrachtet (und abgesehen von der moides-Problematik selbst) könnte man einer UA-Taxonomie durchaus zustimmen, bei der allerdings die "bessere" ("separatere") Stellung von mos einerseits, von nem/serp andererseits schwindet (allerdings im agg. auch, wenn man die Besonderheiten von "moides" nicht herausstellt), zudem aber die weiteren (thomasii, sylviae, meyerianus ...) aus dem Gesichtsfeld verliert, die ihrerseits ein Verhältnis zu einer solchen Gegenüberstellung haben sollten. Subjektiv möchte ich doch bei den agg-Arten bleiben, auch wenn (fertile) Bastardbildung (mit F2,3) möglich ist. Durch ökologische Trennung bleiben die Sippen auch weiträumig intakt; die ominösen "moides" (oder pseudo-phyllus) scheinen nicht wirklich populationsbildend zu sein. Ein Teil davon (?!Seewinkel) sind vermutlich (sage ich) fehlbestimmte mos, deren Erstlingsblätter nicht immer wie die Vorbild-Abbildungen aussehen, und standörtlich bedingt manchmal nur zögerlich Folgeblätterer ausbilden. (Irgend ein Alter hat mal auch eine mos-var. latisectus beschrieben was auf solche Hb-Ex zuträfe; ich weiß aber nicht mehr, ob das vielleicht eigentlich der meyerianus war?)

Für unsere Zwecke: seriöse Überprüfung der "östlichen" phyllus/moides jeweils auf Populationsebene notwendig, ebenso umfassendere Info für alle möglichen Flo-Fans.

[Ob es mir gelingt aus dem obigen eine angemessen kurze Annotation für die Checkliste zu destillieren, weiß ich noch nicht - aber der Buchstabe R ist in meinem Arbeitsfile noch weit entfernt]

Jetzt g'langt's mit dem ex cathedra (bitte frei ver/anwenden): Walter"

Am 24.05.2020 um 23:20 schrieb Christian Gilli:
> Was sagt ihr zu den Fotos von Oliver Stöhr aus Osttirol:
> viewtopic.php?f=10&t=2208
> Mit ist die Sippe schleierhaft. Die Verbreitungskarte (siehe Anhang) macht keinen Sinn. Die Bundesländerangaben in der ExFlora erscheinen zweifelhaft.
>
> Und die Abb. 281/4 in der ExFlora passt meines Erachtens nicht zum Längenverhältniss Schnabel/Nüsschenrest: "Nüsschen-Schnabel (schon bei jungen Nüsschen) 0,3–0,5× so lg wie das restliche Nüsschen, stark eingerollt"
>
> LG,
> Christian

Oliver Stöhr
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Re: Ranunculus polyanthemophyllus in Dölsach (Osttirol)

Beitragvon Oliver Stöhr » Dienstag 26. Mai 2020, 19:35

Sehr erhellend, danke für die interessanten Ergänzungen von W. Gutermann! In Vorarlberg habe ich phyllus übrigens letzte Woche auch gesehen ...
Wo ich allerdings nur bedingt mitgehen kann ist die Ansicht, dass nemorosus (nur) mesophile Halbschattenstandorte einnimmt - nach meinen Beobachtungen wächst sie auch im voll besonnten Magergrünland z.B. in subalpinen Rasen oder in collin-montanen Halbtrockenrasen bzw. in Streuwiesen.
Viele Grüße
Oliver


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